Mittwoch, 20. September 2017

Ein paar Gedanken zu 3 von 4 Indy-Filmen

Auffällig in der Retrospektive ist zunächst, dass sich die Filme gerade aufgrund ihrer konkreten historischen Bezugnahme wunderbar als eskapistischer Spaß genießen lassen. Dieser Spaß schwankt von Teil zu Teil jedoch erheblich. Der erste Film, noch ohne das Franchise-Label „Indiana Jones“ schlicht „Raiders of the Lost Ark“ genannt, markiert hier bereits den Höhepunkt. Harrison Ford steht in einer der kommerziell wahnsinnigsten Karrieredekaden überhaupt (vom „Star Wars“-Set zu „Indiana Jones“ zu „Blade Runner“ usw.) bei seinem ersten Indy-Auftritt voll im Saft; gibt kraftvoll und lakonisch den Halbtags-Archäologen und Abenteurer.

Im Kampf gegen die Karikaturen der Hakenkreuz-Bande um den Prototypen des schmierigen Gestapo-Majors Toht gilt: nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi. Während die Nazis an der Bundeslade nur interessiert sind, weil sie sich einen beträchtlichen Machtzuwachs davon versprechen, liegt Indy zuvorderst der historische Wert am Herzen. Und Spielberg findet für die Tour de Force nach der Bundeslade die passenden Bilder. Sofort eingebrannt haben sich die wunderschönen Matte-Paintings von den Bergen Nepals, die erste Begegnung mit dem wunderbar fiesen Krötengesicht Toht eben dort, die Basare Kairos oder der unsterbliche, ikonische Shot von Jones vor der untergehenden Sonne in der Wüste Ägyptens. Der Reiz des ersten Filmes liegt in der Ferne des Unbekannten und in der Aussicht der Möglichkeiten.

Interessanterweise beschränkt sich „Temple of Doom“ an genau dieser Stelle und unternimmt den Versuch, trotz der Installation eines kindlichen Sidekicks, den Grundton des Erstlings in neue Genre-Gefilde zu überführen. Trotz des beständigen Flirts mit Horror-Elementen über die gesamte Reihe hinweg, ist es der zweite Film, der sich ganz klar zu den Traditionen des B-Horrors bekennt. Im Tempel des Todes werden während ritueller Opferzeremonien Herzen mit bloßer Hand aus der Brust gerissen, hysterische Frauen durch dunkle Gänge mit giftigen Krabbeltieren gejagt und Indy durch schwarze Magie zum willenlosen Diener degradiert. „Temple of Doom“ vollzieht einen lobenswerten, tonalen Wechsel und scheint sich und seiner Idee doch nie ganz zu vertrauen: Der Titel-gebende Tempel des Todes spielt erst in der zweiten Hälfte des Filmes eine wirkliche Rolle, zuvor überlassen sich Spielberg und Lucas ganz und gar den Steigerungs-Mechanismen, die einige Jahre später auch den dritten und 24 Jahre später vor allem den vierten Film bestimmen sollten.

Wenn Indy und seine Begleiter ein gelbes Gummiboot erst zum Fallschirm und dann zum Schlitten umfunktionieren, um dann endlich in sicheren Gewässern zu landen, verschwendet das Duo vor allem viel Zeit auf hässliche Rückprojektionen, statt dem eigenen Konzept zu vertrauen, welches vorsieht Indy aus der Weite der Wüste in ein düsteres Kammerspiel zu zwingen. Dort gewinnt der Film durch konsequente Horror-Anleihen zwar wieder, leidet aber auch gleichzeitig unter einem krassen Orientalismus (Affenhirn auf Eis) und der sensationell nervigen Kate Capshaw, die mit einer Figur geschlagen ist, die entweder genervt, ängstlich oder rallig sein darf, wenn Indy mal wieder seinen rauen, männlichen Charme und die Lederpeitsche auspackt. Selbst die technisch aufwendig in Szene gesetzte Mienen-Rundfahrt reißt hier nicht mehr viel raus.

Teil 4 ist indes nicht so schlimm wie es die Erinnerung vorgab. Hässlich ist er zwar geblieben, aber statt an überflüssigem CGI leidet „Kingdom of the Crystal Skull“ vor allem an einem akuten Weichzeichner-Overkill, der jedem Frame die Kanten glättet und jeder Tiefe beraubt. Wenn der Film Shia LaBeouf (übrigens nicht das Problem) zum Lianen-schwingenden Tarzan macht oder ihn in einen Degenkampf gegen eine russische Superschurkin stößt (weil er das ja auf der Privatschule gelernt hat), dann sind das irritierende Momente der Hässlichkeit und sie stehen zugleich exemplarisch für den Film: denn abseits dieser Einzelmomente reißt die Dschungel-Sequenz auch immer wieder mit. Über die Bewegung der Action erzählt Spielberg auch von einer sukzessiven Familienzusammenführung und streut immer wieder vergnügliche Wortgefechte zwischen Indy und Ravenwood ein, die nach 27 Jahren immer noch so schön lächeln kann wie damals.

Das Problem liegt weniger an den Grundzutaten, nur scheint Spielberg das Feingefühl abhanden gekommen zu sein, die einzelnen Elemente auszubalancieren. Aus einer romantischen Annäherung muss hier zwingend eine übersteuerte Hochzeitszeremonie folgen, die Bedrohungsszenarien nach Giftschlangen und mörderischen Fallen in einer Atomexplosion gipfeln und die Verfolgungsjagd im Dschungel muss noch damit gekrönt werden, dass Ravenwood gezielt auf einen Baum am Abgrund zusteuert und an diesem herab in den Fluss gleitet. Das ist so drüber, wie es Plastik ist. Und statt Gefahren existieren hier nur noch Attraktionen am Wegesrand. Das ist am Ende leider so aufregend wie ein Familienausflug in den Serengeti-Park – und mindestens so falsch.

Dienstag, 5. September 2017

Zuletzt gesehen: August 2017

"The Ghost Writer" [UK, FR, DE '10 | Roman Polanski] - 8/10

"Raiders of the Lost Ark" [US '81 | Steven Spielberg] - 7/10

"Indiana Jones and the Temple of Doom" [US '84 | Steven Spielberg] - 4/10

"Indiana Jones and the Last Crusade" [US '89 | Steven Spielberg] - 6/10

"Indiana Jones and the Kingdom..." [US '08 | Steven Spielberg] - 4/10

"Baby Driver" [US '17 | Edgar Wright] - 2/10

"Her" [US '13 | Spike Jonze] - 4/10

"Ghost in the Shell" [US '17 | Rupert Sanders] - 4/10

"Wilde Erdbeeren" [SE '57 | Ingmar Bergman] - 6/10

"August: Osage County" [US '13 | John Wells] - 4/10

"Toni Erdmann" [DE, AU '16 | Maren Ade] - 8/10

"Paterson" [US '16 | Jim Jarmusch] - 7/10

"Phenomena" [IT '85 | Dario Argento] - 3/10

"Eine Taube..." [SE '14 | Roy Andersson] - 6.5/10

"Mystery Train" [US, JP '89 | Jim Jarmusch] - 6/10

"Game of Thrones" [US '17 | Season 7] - 6/10

Montag, 28. August 2017

"Game of Thrones" [US '17 | Season 7]

„Game of Thrones“ hat nach sieben Jahren endgültig seine Geduld verloren. Offensichtlich. Und was sich mit der fünften Staffel schon klar abzeichnete, wird nun mehr denn je deutlich: Die Serie vollzog nach vier Staffeln, in denen es sich mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt den Buchvorlagen Martins verpflichtet sah, einen Paradigmenwechsel. Das Schicksal der Spieler im „Game of Thrones“ liegt nicht länger in den Händen eines kreativen Urvaters in einem Arbeitszimmer irgendwo in Santa Fe, sondern wird von einer Handvoll fleißiger Schreiber beim US-Bezahlsender HBO besiegelt – auch immer unter dem Eindruck von Marktanalysen, Feedback-Evaluation und Quotenmessungen. Mit der Vision eines Schriftstellers mag das intrigante Spiel auf Westeros also begonnen haben, aber es wird im kommenden Jahr mit Sicherheit ohne einen solchen beendet.

Am Ende des kreativen Vakuums, das die fehlenden Vorlagen Martins hinterlassen haben, steht damit auch die Ablöse des einen kreativen Modells durch das andere. An die Stelle einer individuellen Schaffensvision rückt, auch schon bedingt ausgelöst durch den Transfer vom einem Medium ins andere, die kreative Kollaboration und das künstlerische Werk als Gemeinschaftsarbeit. Und auch ohne diese grundverschiedenen, kreativen Modelle gegeneinander ausspielen zu wollen, es wird deutlich, dass „Game of Thrones“ schon längst zwei Identitäten lebt. Aus einer Serie, die sich immer wieder wütend von ihrem Zuschauer abwandte und ihn alleine im Regen stehen ließ, ist eine Serie geworden, die diesen nun regelmäßig in einer umsorgenden, mütterlichen Geste fest in die Arme schließt. Und so spannend es für viele sicherlich gewesen wäre zu sehen, wie sich die Geschehnisse auf Westeros in der Vision Martins ausgestaltet hätten, zumindest auf dem Fernsehbildschirm wird diese Vision niemals sichtbar sein. Stattdessen gibt es Staffel 7: ein teures Lizenzprodukt und eine höchst schizophrene Serien-Erfahrung.

Ein Lied von Logik und Konsistenz

Kriegshandwerk und militärische Strategien waren in „Game of Thrones“ schon immer mindestens fragwürdig, in seinen Details gerne in den Hintergrund verbannt und letztendlich vor allem dem Schauwert verpflichtet gewesen. Zeit hatte in diesem Rahmen immer relativen Charakter, ebenso klare Werte zu Truppenstärken und militärischer Infrastruktur der verschiedenen Parteien. Hier blieb die Serie immer konsequent Soap-Opera und überhaupt nicht interessiert an „Hard Fantasy“. Manche Figuren verbrachten auf ihrer Reise jenseits der Mauer eben ganze Staffeln im Dunkeln des Offs, andere, zentralere Figuren rasten dagegen mit der ICE-Direktverbindung durch Westeros.

Gerade in der neuen Staffel macht es jedoch den Eindruck, als hätte plötzlich eine ganz Reihe von Charakteren einen Teleport für sich entdeckt, um in jeder noch so ausweglosen Lage den Drehbuchautoren und ihren Handlungskonstruktionen beistehen zu können. Skeptiker jeder Logik-Kritik werden an dieser Stelle sicherlich gerne auf die wenig erläuterten Zeitebenen der Serie hinweisen oder fragwürdige Truppenbewegungen über die Zugehörigkeit zum Fantasy-Genre entschuldigen. Oder sie werden behaupten, solcherlei Inkonsistenzen seien nicht weiter wichtig, weil sie einem ernstzunehmenden Kunstverständnis ohnehin grundlegend widerstreben (- nicht selten gründet sich diese Argumentation auf einer Aversion gegenüber jenen (vor allem amerikanischen) Plattformen, die sich eine solche Form der Kritik auf die Fahnen geschrieben haben).

Natürlich muss sich eine Drama-Serie und große Oper wie „Game of Thrones“ nicht für jeden Zufall und jede Figurenbewegung erklären – ganz und gar nicht. Genauso wenig sollte aber auch jeder Anspruch nach innerweltlicher Konsistenz fallengelassen werden. Es fällt nämlich zunehmend schwerer sich in den Meta-Themen, Figuren-Motiven und politischen Spielzügen zu verlieren, wenn man erkennt, mit welch einfachen Mitteln die Autoren versuchen Bewegungen und Entwicklungen in der Serie auszulösen. Ein abermaliges Wiedersehen zwischen Tyrion und Jaime, eine potenziell hochspannende, emotional glaubwürdig hergeleitete Figuren-Konfrontation und ein wahres Dilemma, fädeln die Autoren beispielsweise auf die denkbar komplizierteste Weise ein, wo sich eine Begegnung beider Figuren nach der Schlacht in Episode 4 sowieso schlüssig ergeben hätte. 

Dieses Beispiel steht exemplarisch für ein Problem dieser Staffel: der Blödsinn ergibt sich in den seltensten Fällen aus einer verzwickten, narrativen Lage heraus, sondern ist ganz offenkundig vermeidbar. Und sie reißen nicht nur aufgrund einiger fragwürdiger Truppenbewegungen aus der Wirklichkeit der Serie, sie entwerten auch Figuren und ihre Biographien, wenn sie Komplikationen erzeugen wollen, wo sich eigentlich keine logisch ergeben. Wie kann man darauf vertrauen, dass die Autoren die Meta-Themen der Serie klug weiterführen, wenn sie schon an oberflächlichen Figurenbewegungen zu scheitern drohen?

In einer Figur wie Euron Greyjoy fügen sich die Probleme dieser Staffel zusammen: Dem weit gefächerten Figuren-Pool von Westeros fügt sie nichts spannendes hinzu, stattdessen ist ihre Daseinsberechtigung ausschließlich strukturell begründet (und nicht ohne Grund fast ausschließlich auf die erste Hälfte der Staffel beschränkt). Ebenso naheliegend gespielt, wie konzipiert scheint sie schlussendlich das selbe Schicksal wie einem Ramsay Bolton vergönnt. An die Seite einer arroganten, endgültig bösartigen Figur wie Cersei, nach Jahren kontinuierlicher Charakterentwicklung von Lena Headey nur noch mit zwei Blicken gespielt, und ihrem hoffnungslos vernarrten, etwas weniger arroganten Liebhaber/Bruder mit Euron einen ähnlich arroganten, bösartigen Charakter zu stellen, ist in erster Linie öde und eher klaren Feindlinien zuträglich, statt den sonst so ambivalenten Beziehungsstrukturen der Serie.

Der Figur des Euron kommt dabei auch noch die Funktionsweise eines deus ex machina zu. Sie ist keine inspirierte Figuren-Idee, sondern in erster Linie ein pragmatisches, erzählerisches Element, um leicht durchschaubare, dramaturgische Strukturen zu schaffen. Diese Praktik fand auch in den vergangenen Staffeln immer wieder Anwendung (Battle of the Bastards), ließ sich dort aber zumindest halbwegs verargumentieren. Euron und sein aus dem Nichts entstandener Flottenverband kann nun wie einst die Black Pearl mit einem Mal aus dem Nebel des Krieges auftauchen und jedes dramaturgische Hemmnis ausradieren. Eigenen Spekulationen und Prognosen wird damit jede Grundlage entzogen. Nicht, weil die Figuren so komplex und die Intrigen so fein gesponnen sind, sondern weil die Autoren zu Göttern mutieren, die jede Unbequemlichkeit mit einem Federstrich eliminieren können, ohne sich jenen Parametern zu verpflichten, die sie zu Anfang noch postuliert haben. Es kann alles passieren, wenn im Spiel der Throne plötzlich keine Regeln mehr gelten.

Figuren-(Un-)Tiefen und die Gewalt des Todes

Eine der schöneren Erkenntnisse dieser Staffel: Emilia Clarke und Kit Harrington funktionieren wunderbar miteinander - nicht zuletzt deswegen, weil ihre Figuren sich in ihrem jeweiligen Gegenüber wiedererkennen können. Beide eint ein jugendlicher Eifer, der plötzlich an der harten Wirklichkeit des Regierungsalltags seine Grenzen erfährt und beide machen eine Verletzlichkeit sichtbar, die die immense Verantwortung ihrer Figuren glaubwürdig auszudrücken vermag. Während Daenerys den eiskalten Blick einer unnahbaren Monarchin mittlerweile bis zur Perfektion beherrscht und Clarke immer gekonnter zwischen königlichen Gesten und kindlicher Verunsicherung oszilliert, führt Jon Bündnisverhandlungen nach wie vor mit süßem Hundeblick.

In ihren ersten Begegnungen spielen die Macher beinahe alle Stärken der jeweiligen Parteien aus. Dem übertriebenen royalen Gestus von Daenerys begegnet Chefberater Davos Seaworth mit nordischem Unterstatement. Der Humor ergibt sich hierbei vor allem glaubwürdig aus den Figuren, ebenso wie die politischen Forderungen der potenziellen Allianzparteien. Im Thronsaal auf Dragonstone wird harte Außenpolitik betrieben, aber unter dem Eindruck innenpolitischer Erwägungen in einem klaren Sinnzusammenhang verortet. Hier zeigt sich eine der großen Stärken der Serie, Politik aufs unterhaltsamste zu komprimieren und über seine Figuren zugänglich zu machen. Daenerys und Jon dürfen harte Kante zeigen und trotzdem ihr Gesicht wahren, weil Davos und Tyrion ihrem Naturell entsprechend diplomatische Kompromissbereitschaft signalisieren. Der G2-Gifpel auf Dragonstone beginnt mit dem tödlichen Blick einer jungen Königin und endet mit dem leichten Lächeln eines Mädchens, das ihren neuen Freund überhaupt nicht mehr gehen lassen möchte. Wer hier von fehlender Chemie spricht, hat die falsche Serie gesehen.

Auch die Rolle des Todes hat sich mit der siebten Staffel noch einmal verändert. Fast zwangsläufig ist die Serie nach Jahren der ebenso überraschenden, wie gewaltsamen Figuren-Tode berechenbarer geworden. Vor allem im Überfall des Versorgungszuges der Lannisters aus Episode 4 keine der mitunter weniger relevanten Figuren sterben zu lassen, ist erstaunlich. Chancen dafür gab es genug, stattdessen aber wurde der nahende Tod angedeutet, zugespitzt, um dann doch in der letzten Sekunde vereitelt zu werden. Eine dramaturgische Struktur, die die Autoren dieses Jahr fast ad absurdum führen: Jaime entrinnt in allerletzter Sekunde dem qualvollen Verbrennungstod durch Bronns rettende Tat, welchem kurz zuvor beinahe selbst die Augenbrauen abgesenkt worden wären, und Jon Snow muss in der abermaligen Konfrontation mit dem Night King fernab der Mauer gleich zweimal (!) durch fix herbeigeschriebene deus ex machina vor dem erneuten Tod bewahrt werden.

Jeder Tod, so scheint es, müsse nun unheilvoll angekündigt und episch vollzogen werden. Jeder Charakter aus dem kontinuierlich schmaler werdenden Figuren-Pool ist inzwischen Kapital geworden; Munition, die sparsam verwendet werden muss, um das Sterben oder Nicht-Sterben einer geliebten Figur als Cliffhanger maximal profitabel zu machen. Die Beiläufigkeit des Todes, die Willkür und die schmerzhafte Gewalt der Überraschung ist „Game of Thrones“ nun schon seit längerer Zeit abhanden gekommen. Einfach so stirbt hier keiner mehr.

Gut gegen Böse

Jenseits der Mauer lauert jedoch nicht nur der Tod, sondern auch das eigene Schicksal. Gerade durch die Figuren der Brotherhood without Banners bekommt „Game of Thrones“ einen ganz konkreten religiösen Überbau. Beric Dondarrion und seine Leute überantworten sich einer wie auch immer gearteten, göttlichen Präsenz (God of Light) und einem Determinismus, der sie zu Erfüllungsgehilfen für einen höheren Zweck degradiert. Dem möglichen Dahinscheiden der Figuren wird in der Serie mehr denn je Sinn verleihen. Sie dürfen sich opfern in der Hoffnung zumindest ihren auserwählten Anführer retten zu können. Jeder Tod dient inzwischen einem höheren Zweck und spiegelt damit vielleicht auch die Entwicklung der Serie wieder, sukzessive von Low zu High-Fantasy zu tendieren.

Zwangsläufig erscheint es also fast, dass „Game of Thrones“ sich in seinen Strukturen nicht nur entschlacken, sondern auch vereinfachen muss. Dem Feuer - dem Leben - dem Guten steht das Eis - der Tod - das Böse entgegen. Westeros teilt sich nach Jahren interner Machtkämpfe in zwei Lager auf. Die Spieler des "Game of Thrones" verbrüdern sich in dem Moment, in dem eine externe Bedrohung sich nicht nur weigert die Spielregeln zu befolgen, sondern das System des Spiels selbst umzustürzen droht. Unter dem Eindruck der weltenverändernen Konsequenzen, die von den Walkern und ihrem mysteriösen Anführer ausgehen, gerinnt der Kampf um den Eisernen Thron zu einer Nebensächlichkeit, die Bündelung aller verbliebenen Kräfte zu einer absoluten Notwendigkeit.

Jon Snow und Daenerys Targaryen werden in diesem Konflikt mehr und mehr zu mythologischen Gestalten. Die Drachenkönigin steigt im großen Finale der vorletzten Episode auf dem Rücken eines riesigen Wyvern aus dem gleißenden Himmel herab und errettet Jon und seine Jünger vor den Armeen des Todes. Der weltliche Machtkampf, angetrieben von den allzu weltlichen Gelüsten und Lastern, spielt eine immer kleinere Rolle, je außer-weltlicher die Bedrohung für diese Welt wird und damit auch die Mittel, die es braucht, um diesen etwas entgegensetzen zu können. „Game of Thrones“ fährt die ganz großen Geschütze auf und hätte die Chance zu einer neuen, nicht minder reizvollen Identität zu finden.

Die Reduktion der Konfliktstrukturen muss nicht bedeuten weniger anspruchsvolle Unterhaltung bieten zu können. Und eine in sich geschlossene, konsistente Welt ist nicht unvereinbar mit dem neuen, erzählerischen Tempo der Serie. Aber bisher finden die Macher bei allem Schauwert selten die wirklich ganz großen Bilder. Die Serie ist ein globales Großereignis geworden, mehr denn je diktiert von seinen Zuschauern, seinen Vorlieben und Erwartungen. Und sie speist sich mehr denn je aus dem Kapital früherer Staffeln. Sie ist nicht die Serie, in die ich mich einst verliebt habe, beherbergt aber viele Figuren, in die ich nach wie vor vernarrt bin. Eine schizophrene Lage, die ich gerne gewillt bin für eine weitere Staffel auszuhalten, um dann loslassen und wieder von vorne beginnen zu können.

Mittwoch, 23. August 2017

"Louder than Bombs" [FR, DK, NO '15 | Joachim Trier]

Durch die gewählten Betrachtungswinkel bringt Trier in seinen Figuren neue Facetten zum Vorschein, die ansonsten verborgen blieben. Ihre Probleme und Komplikationen werden in ein Verhältnis gesetzt und in einem globalen Bewandtnis-Zusammenhang verortet, der über die eigenen vier Wände hinausweist. Die Figur von Isabelle Huppert spukt wie ein Gespenst in den Köpfen ihrer Familie herum. Ihr Echo besetzt die Räume des Filmes, zuvorderst all jene kommunikativer Natur. Ihre Anwesenheit sollte eigentlich bezeugen, wie nichtig die Schmerzen sind, die ihre Hinterbliebenen fühlen. Die Bilder, die sie bis in die privateste Sphäre hineinträgt, müssten eigentlich abschwächen, was im Moment des Schmerzes so gewaltsam und vernichtend ist. Aber die Bilder von Bomben und Schutthaufen, staubigen Gesichtern und getrocknetem Blut vom Ende der Welt nehmen keiner Gefühlswelt ihre Gewalt und keinem Problem seine Daseinsberechtigung. Trier priorisiert keine Gefühlswelten über andere, erklärt nicht die einen für nichtig im Angesicht der unendlichen Ungerechtigkeit dieser Welt – selbst wenn sein Gespenst daran zerbrochen sein mag. 

 7/10

Mittwoch, 16. August 2017

"Taboo" [UK '17 | Season 1]

Tom Hardy schlüpft abermals in die Rolle des patentierten Brummbären, die schon in „Fury Road“ den Komplikationen einer lebensfeindlichen Umgebung mit einem stoischen Nicken begegnete. Keine Bedrohung vermag es, ihn an den Rand der Verzweiflung zu treiben; keine Situation erweckt auch nur den Anschein für ihn ausweglos zu sein. Auf jede hinterlistige Sabotage-Aktion der Tee-schlürfenden Herren-Runde der East India Company, angeführt von einem Alters-befleckten Jonathan Pryce, hat er eine Antwort. Leider steht hinter James Delaney keine spannende Figuren-Idee, sondern lediglich eine coole Schauspieler-Socke, der man mit Freude bei ihrer Arbeit zusieht - breitbeinig, zielstrebig, minimales Grimassen-Theater, aber maximale Bane-Coolness. Die simplen Beziehungsgeflechte beherbergen aber kaum interessante Figuren, die ohnehin viel zu schnell, viel zu eindeutig an klaren Feindlinien verortet werden. Königs-Karikaturen und alte Tyrannen überwiegen zumeist spannende, vielschichtige Figuren wie die des Michael Godfrey, höchst sensibel porträtiert von Edward Hogg. Stattdessen stehen Bond-mäßige Superschurken Hardy und seiner coolen Gang gegenüber. Und wo das wish-fulfillment bei „Vikings“ beispielsweise noch großzügig ausgezahlt wurde, steht man bei „Taboo“ am Ende mit leeren Händen da. Die wunderschönen Sets und der sichtbare Produktionsaufwand machen einen dabei zu allem Überfluss auch noch wehmütig. 

5/10

Mittwoch, 9. August 2017

"Like Father, Like Son" [JP '13 | Hirokazu Koreeda]

Was braucht ein Kind? Wo verhindert der Leistungsgedanke des Vaters eine glückliche Kindheit und bürgt vor allem Lasten und Erwartungen auf, statt aufzufangen und Halt zu bieten? Und wo versäumt es ein anderer sein Kind auf eine Leistungsorientierte, kapitalistische Gesellschaftsordnung vorzubereiten? Liegt das Glück in der Gegenwarts-bezogenen, hedonistischen Lebensweise des einen oder im Zukunfts-orientierten Karrieredenken des anderen? Aus der Konfrontation zweier grundverschiedener Erziehungsphilosophien ergeben sich für Koreeda eine Vielzahl hochkomplexer Fragestellungen, die weit über bloße Erziehungsfragen hinausweisen. Denn von der Erziehung ihrer Kinder ausgehend erzählt „Like Father, Like Son“ vor allem von den Vätern und ihren Lebensweisen, von ihren Vorstellungen eines geglückte Lebens und ihrem Blick auf die Menschen, die sie umgeben. Und obwohl Koreeda seinen Figuren zu diesem Zwecke klare Konturen verleiht, sie vereinfacht und exemplarisch positioniert, bleiben diese durch feine, zwischenmenschliche Beobachtungen immer emotional glaubwürdig. Er geht dabei nicht den einfachen Weg, dem vermögenden Paar aufgrund ihrer teuren Designer-Wohnung automatisch Gefühlskälte zu unterstellen und den anderen etwas doof und genügsam zu sein. Für Einfachheiten und Schnellschüsse ist „Like Father, Like Son“ viel zu unaufgeregt und achtsam montiert, zu gut gespielt und am Ende so klug, eben keine Patentrezepte anzubieten. Dafür schließt er mit einem unkonventionellen Erziehungsmodell und einer leisen Hoffnung, die in den Klaviertasten Shin Yasuis ihre Erfüllung erfährt. 

7/10

Mittwoch, 2. August 2017

Zuletzt gesehen: Juli 2017

"Where to Invade Next" [US '15 | Michael Moore] - 3/10

"Spotlight" [US '15 | Tom McCarthy] - 6/10

"Alles was kommt" [FR '16 | Mia Hansen-Løve] - 6/10

"Der Geschmack von Rost und Knochen" [FR '12 | Jaques Audiard] - 5.5/10

"Louder Than Bombs" [FR, DK, NO '15 | Joachim Trier] - 7/10

"Triangle" [UK, AU '09 | Christopher Smith] - 2/10

"Sleeping with Other People" [US '14 | Leslye Headland] - 3/10

"Das siebente Siegel" [SE '57 | Ingmar Bergman] - 5/10

"Behind the Candelabra" [US '13 | Steven Soderbergh] - 7/10

"Restrepo" [US '10 | Sebastian Junger & Tim Hetherington] - 6/10

"Sunset Boulevard" [US '50 | Billy Wilder] - 7/10

"The Godfather" [US '72 | Francis Ford Coppola] - 8.5/10

"The Godfather: Part II" [US '74 | Francis Ford Coppola] - 8/10

"Sing Street" [IE, UK, US '16 | John Carney] - 6/10

"Once" [IE '06 | John Carney] - 4/10

"Zwei Tage, eine Nacht" [BE, IT, FR '14 | Jean-Pierre & Luc Dardenne] - 8/10

"Captain Fantastic" [US '16 | Matt Ross] - 4/10

"O.J.: Made in America" [US '16 | Ezra Edelman] - 7/10

"Submarine" [UK '10 | Richard Ayoade] - 6/10

"Another Year" [UK '10 | Mike Leigh] - 9/10

Samstag, 22. Juli 2017

"The Killer" [HK '89 | John Woo]

„He has a manly air about him. His eyes are very alert
- full of compassion, full of passion.“

Ohne Zweifel: John Woo ist in seinen Protagonisten hemmungslos verknallt – und über die Figur des Inspektor Li trägt er seine Zuneigung offen zur Schau. „The Killer“ vereint darüber hinaus einen ganzen Haufen frustrierter Männer, deren Blicke lustvoll aneinander hinabgleiten und denen doch der Mut dazu fehlt einfach mal durchzuziehen. Im Kern ist das nämlich die Geschichte von zwei vermeintlich harten Machos, für die die Erfüllung ihrer Sehnsüchte durch die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft auf ewig eine Illusion verbleibt. Immer wieder stehen sich die Beiden gegenüber, halten sich die geladenen Kanonen ins Gesicht, schauen sich tief in die Augen. Wer drückt ab? Wer macht den ersten Schritt, um das quälende Warten auf die erste Berührung endlich zu beenden? An anderer Stelle versorgt der Inspektor die Wunden seines liebsten Feindes, streut etwas Schwarzpulver in die Schusswunde und zündest es an, während der Killer, mit dem symbolischen Knebel im Mund, im Schmerz ekstatische Befriedigung erfährt.

Frauen interessieren die harten Kerle aus "The Killer" derweil nicht. Frauen werden hysterisch und müssen gelegentlich geschüttelt werden, ansonsten sind sie motivierendes Beiwerk für den Protagonisten durch einen letzten Auftrag endlich dem sinnlosen, aber dann doch ganz spaßigen Töten zu entkommen, das Woo wie ein Ballett mit nur einer einzigen choreographischen Idee inszeniert. Das Spiel mit den Sympathien gleicht dabei einem Drahtseilakt: töten ja, auch für Kohle, aber keine Kinder, keine Frauen, die sind ja wehrlos und schön. Chow Yun-Fat, Charisma-Level over 9000 (im Minusbereich), gibt den Auftragskiller mit Herz, der schlussendlich sogar Jesus-gleich die Balance wiederherstellt und die Entrechteten Gerechtigkeit widerfahren lässt. Vor diesem großen, kathartischen, Western-gleichen Finale schließt sich das Liebespaar endgültig zusammen und gibt sich auch als solches zu erkennen, um das störende Weib halbwegs unbeschadet aus dem Kreuzfeuer zu bergen. In der Zeitlupe sind sie vereint, in der Vorstellung auf ewig glücklich. Aber ihre Liebe endet, bevor sie begonnen hat.

Freitag, 7. Juli 2017

Zuletzt gesehen: Juni 2017

"Lola rennt" [DE '98 | Tom Tykwer] - 6/10

"Tokio ersteht aus der Asche" [FR '17 | Julien Olivier] - 6/10

"The Piano Forest" [JP '07 | Massayuki Kojima] - 5/10

"Negative Space" [FR '15 | Ru Kuwahata & Max Porter] - 7/10

"Taboo" [US, UK '17 | Season 1] - 5/10

"Magic Mike" [US '12 | Steven Soderbergh] - 7/10

Sonntag, 2. Juli 2017

"Right Now, Wrong Then" [KR '15 | Hong Sang-soo]

Ihre erste Begegnung ist rein zufällig – und doch selbstbestimmt und unausweichlich dabei. Er trifft auf Sie. Er ist ein erfolgreicher Arthaus-Regisseur, Sie eine erfolglose Malerin. Er geht den ersten Schritt, nähert sich an, etwas ungelenk noch, aber schnell kommen sie ins Gespräch. Zunächst verheimlicht der Regisseur noch seine Ehe und seine Kinder und das Verschwiegene erfährt in der Runde mit ihren Freunden (oder Nicht-Freunden) eine peinliche Offenbarung. In der zweiten Zeitlinie wird dieses Schweigen gebrochen und mündet in einer jämmerlich-entwaffnenden Liebeserklärung. Sein positives Urteil über ihre Kunst weicht einer ehrlichen, konstruktiven Ausführung über das, was er durch ihre Bilder in ihr zu sehen glaubt. Er nimmt Sie und ihre Kunst ernst, abseits ihrer Schönheit, die für ihn blendend ist und schmerzhaft zugleich. 

"Wrong Now, Right Then" bzw. "Right Now, Wrong Then" kriegt den kostbaren Augenblick einer zwischenmenschlichen Annäherung zu fassen, die zugleich hoffnungsspendend- und raubend ist. Die Eigenheiten der koreanischen Kultur, besonders im sozialen Miteinander, die Etikette und erwartete Höflichkeit beispielsweise, bestimmen den Austausch zwischen zwei sich zufällig begegnenden Menschen entscheidend mit. Bemühter Small Talk, das Offensichtliche und ebenso offensichtlich Benannte, die peinlichen Momente der Sprachlosigkeit markieren die Stolpersteine in der Annäherung – und da ist der Film wieder ganz international, auf dem Schlachtfeld sozialer Interaktion. So wie Hong Sang-soo nie in die Nahaufnahme geht, die eigenartig mechanischen Kamerabewegungen nie die Anwesenheit eines manipulativen Dirigenten vergessen lassen, so kalt und warm, so nah und so fern teilt sich der Film in seiner Zwei-Kapitel-Struktur auch tonal. Die Protagonisten brauchen eine zweite Chance, um ihren Absichten und Neurosen, ihren Gefühlen und Träumen angemessen Ausdruck zu verleihen. Hier hat die Kunstform Film die Macht, sie ihnen zu bereiten.

8/10