Mittwoch, 24. Dezember 2014

"Der Eissturm" [US '97 | Ang Lee]

Hinter herrlichen Herbstfarben bröckelt die Fassade. Natürlich ist hinter der Eierschale nicht alles perfekt. Sexualität will entdeckt werden, oder wiederentdeckt, weil man zwischendurch die Lust am Körper des Bettnachbarn verloren hat. Oder die Lust auf sich selbst und das Leben, das um einen kreist; das man konstruiert hat, arrangiert, perfekt, aber endlich, weil man dachte, dass es so sein muss und womöglich immer so sein würde. Dass du so sein musst. Wahre Experten gibt es hier nicht; höchstens jene, die ihre Sache schon dreißig Jahre lang falsch machen. Und alle sind irritiert, verunsichert, unschlüssig darüber, ob das okay ist oder nicht; was die Grenzen sind, was geboten und was verboten. Der Kopf des betäubten Schwarms zwischen den Beinen, das Begutachten eines fremden Geschlechtsteils mit der Wissensbegierde eines Kittelträgers, weil das Blut noch lange nicht überall zirkuliert oder der ungelenke Quickie im Auto mit der Ehefrau des Mannes, der komatös in seinem Badezimmer weilt. Gleiches mit gleichem vergelten. Funktioniert nicht. Hat es nie. Auch diesmal nicht. Ang Lee dreht einen Film über die Lust in uns und das, was Liebe bedeutet, was geht und was nicht. Der Regen erstattet keine Absolution und eröffnet auch keine Aussicht auf Erlösung. Es ist nur Regen, kondensiertes H2O, das in tausenden Höhenmetern zu Eiskristallen gefroren ist und nun herabrieselt. Der Weg liegt noch vor ihnen (© Punsha), aber ein erster Schritt ist getan: Katharsis.

7/10

Sonntag, 21. Dezember 2014

"The Woodsman" [US '04 | Nicole Kassell]

Ein Film, der vieles anreißt, andeutet, aber wenig vertieft oder durchexerziert vor uns ausbreitet - und das ist okay, weil er ein Thema anstößt, zu dem bis heute weder Antworten noch Lösungen gefunden wurden. Eine Gesellschaft, die sich schwer tut, über die Opfersituation hinaus, auch die des Täters zu akzeptieren und der Möglichkeit, dass manchmal beides beisammen liegt. Pädophilie auch als Krankheit zu begreifen mag schmerzhaft sein, und weniger einfach, aber sie bereitet womöglich den Weg für Hilfe für alle Seiten. Ein filmisches Essay, das dieses Thema fernab strikter Realismus-Normen chiffriert ins Rollen bringt, aber weder wertet, noch zu einem Ende führt. Alle Figuren vereinen sich in Bacon, alles kreist um ihn: der Polizist als wachsamer, rationaler Schutzengel, die Freundin als ein Ausdruck der Vergebung – vor allem sich selber gegenüber -, das kleine Mädchen, in dem sich die eigene Versuchung, doch dem Drang nachzugeben, widerspiegelt und der blonde Unbekannte, „Candy“ genannt, als physische Manifestation der Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Effektivität therapeutischer Methoden und ob es der Integration ehemaliger Sexualstraftäter nicht zuträglich wäre, das gesellschaftliche Umfeld einfach im Unglauben zu lassen (wolltest du mit einem Pädophilen zusammenarbeiten?), weil unmittelbare, emotional verblendete Reaktionen einer Verbesserung der Situation solcher Leute (und der Aussicht sie wirklich so etwas wie „Heilung“ widerfahren zu lassen) nur leidlich zuträglich wäre. All diese Dinge spricht „The Woodsman“ an, manchmal, aber wirklich nur manchmal mit dem Holzhammer, mit Spaß an einer eigenen filmischen Sprache und durchweg überzeugend, gar wunderbar unkonventionell gespielt, nicht zuletzt von Bacon als repressiv-getriebener, pädophiler Ex-Häftling Walter. Ernst zu nehmende Beiträge zu diesem schwierigen Thema sind rar gesät, „The Woodsman“ ist einer von ihnen. 

6.5/10

Samstag, 13. Dezember 2014

"The Crow" [US '94 | Alex Projas]

Brandon Lee's Crow nimmt Ledger's Joker-Interpretation bereits um vierzehn Jahre vorweg und dessen Tod (eine weitere Parallele) trägt zur mythischen Überhöhung dieses rohen, gerade aufgrund seiner Unfertigkeit faszinierenden Comic-Wunders zusätzlich bei. In einer Szene, die Krähe platzt in ein Meeting der kriminellen Elite rein und nimmt sogleich Platz, scheint sich Nolan sogar ganz konkret von "The Crow" inspiriert haben zu lassen. Lee's letzte Karriere-Performance speist sich derweil aus einer ausgestellten, wirkungsvollen Pose, die den literarischen Ursprung sichtlich ehrt und den Schmerz eines Maske-tragenden, zutiefst traurigen Einzelgängers, unfähig sich aus dem Schatten der Vergangenheit zu lösen. Die Krähe lebt in einem kriminellen Moloch Fratzen-verzerrter Egomanen und Okkult-gläubiger Freaks und die Bausubstanz ächzt unter dem unaufhörlichen Prasseln des Regens. Die Figuren in dieser Welt sind undurchsichtig und nie ganz durchschaubar. "The Crow" ist wie der Spielfilm, den Nine Inch Nails nie gemacht haben; voller Schmerz und voller kleiner Wunder, der Poe's einzigartiges Gedicht "The Raven" thematisch aufgreift und über das Motiv der Rache als Antriebsfeder ausweitet. Es ist sowieso ein Wahnsinn, dass dieser Film, nicht zuletzt auch einer über Außenseitertum und Trauerbewältigung, schließlich in dieser Form fertiggestellt wurde. Als letzte Erinnerung an einen Toten - welch Ironie. „And my soul from out that shadow that lies floating on the floor / Shall be lifted – nevermore!“

6.5/10

Sonntag, 7. Dezember 2014

"Under the Skin" [UK '13 | Jonathan Glazer]

Aus der Perspektive eines Outsiders verschieben sich plötzlich Wahrnehmung und Rezeption. "Under the Skin" versteht die Menschen in erster Linie als Opfer ihrer Triebe, als ein seltsames, missverständliches Wesen, dessen größte Antriebsfeder zwischen den Beinen hängt, Schwanz-gesteuert, dauergeil. In der Begegnung mit einem Elefantenmenschen eröffnen sich dann die Vorzüge ihres unverstellten Blickes: Kein Vorurteil, keine vorschnelle Bewertung bestimmt ihr Handeln. Sie ist fair und behandelt jeden Menschen gleich. Die Unterschiede kümmern sie nicht. Dem Ideal eines wertvollen gesellschaftlichen Mitglieds, das Gleichberechtigung lebt, statt sie bloß zu verlautbaren, kommt kurioserweise jemand außerhalb dieser Grenzen am nächsten. Erst der Versuch Verständnis und Empathie aufzubringen, die Nuancen unseres Wesens, die Alltagsbeobachtungen und Ausdrücke zu einer Regel abzuleiten, scheitert. Der Jäger wird zum Gejagten. Sie zerbricht an uns.

8.5/10

Samstag, 6. Dezember 2014

"The Amazing Spider-Man" [US '12 | Marc Webb]

Das war nüscht. Einfach nichts. Nichts. Kein Esprit, kein Charme, keine Ecken, keine Kanten. Unsympathischer Proll mit Nerdbrille wird zum Superheld und mutiert mit den gewonnen Kräften zu einem noch größeren Arschloch. Alle anderen Figuren sind - wie gesagt - nichts. Keine Menschen, keine Charaktere, nur leere Hüllen, die irgendwelche austauschbaren Dialogzeilen in fürchterlichen Rückblenden brabbeln, ohne Zusammenhang. Sheen ist noch okay, und Stone nervt nicht. Der Raimi-Interpretation kann Webb nichts hinzufügen, wobei von dem hier sowieso nichts zu spüren ist. Auftragsarbeit eben, inzwischen gar industriell ausgeweitet, bis 2020 heißt es Fließband, um als Erfüllungsgehilfe visionsloser Studiobosse Reichtum anzuhäufen. Es gibt auch eine Dramaturgie, und Effekte, und eine Liebesgeschichte. Der Gegner ist 'ne hässliche Eidechse, die die Welt verbessern will und die Effekte richtig schön rundgelutscht. An diesen Trümmerteilen kann man sich nicht verletzen, deswegen ist die Gefahr natürlich auch nicht real. Und die Liebesgeschichte wird im Vorbeigehen erzählt, wobei mit der unkomplizierten Gwen Stacy schon alles nach fünf Minuten geklärt ist. Es bleibt nichts. Kein Gefühl, keine Regung, nur gestohlene Lebenszeit. Und Leere, wie sie einen bei Unterhaltungskino heutzutage eben immer öfter ergreift. 

3/10

Sonntag, 30. November 2014

Zuletzt gesehen: November 2014

"Louie" [US '12 | Season 3] - 6/10

"Louie" [US '14 | Season 4] - 8/10

"Edge of Tomorrow" [AU, US '14 | Doug Liman] - 5/10

"Evil Dead" [US '81 | Sam Raimi] - 5/10

"The Spectacular Now" [US '13 | James Ponsoldt] - 5/10

"Kidnapped" [ES '10 | Miguel Ángel Vivas] - 5.5/10

"Schule" [DE '00 | Marco Petry] - 5/10

"Kings of Summer" [US '13 | Jordan Vogt-Roberts] - 4/10

"Life of Pi" [US '12 | Ang Lee] - 5/10

"Interstellar" [US, UK '14 | Christopher Nolan] - 4/10

"X-Men: Days Of Future Past" [US '14 | Bryan Singer] - 4/10

"Angel's Egg" [JP '85 | Mamoru Oshii] - 6/10

"Hard Eight" [US '96 | Paul Thomas Anderson] - 6.5/10

"Irreversibel" [FR '02 | Gaspar Noé] - 3/10

"Tropfen auf heisse Steine" [FR '00 | François Ozon] - 6/10

"Mississippi Burning" [US '88 | Alan Parker] - 5/10

"Excision" [US '12 | Richard Bates Jr.] - 6/10

Samstag, 29. November 2014

"Prisoners" [US '13 | Denis Villeneuve]

Eigentlich die Geschichte von einem Superbullen, der andauernd von Wolverine sabotiert wird. Die Schauspieler gefallen, ihre Figuren können dieses überlange 160-Minuten-Brett aber auch nur bedingt tragen. Einen solchen Film über zwei Stunden zu erzählen macht aber schon Sinn, weil die Unerträglichkeit des Wartens und die Aussicht des Scheiterns zentrale Eckpfeiler der Geschichte bilden und die Figuren Raum brauchen, die jeweiligen, ungeheuer vielseitigen Reaktionen glaubwürdig auszubilden. Villeneuve hat diesen Raum, nutzt ihn aber nicht. Jackman's kreuzdoofes Proleten-Vieh von Vater ist schon nach der ersten Szene restlos ausbuchstabiert, Bello fällt nach der Anfangsphase einfach hinten runter, ebenso das andere Elternpaar. Auch die Fähigkeiten eines Dano bleiben sträflich ungenutzt. Es verbleibt Gyllenhaal, der die Reise aus "Zodiac" im Körper eines spannenden, Augen-verkniffenen Arbeitstiers und im Geiste eines True Detective erneut antritt. Die zunächst noch sinnvoll lethargische Inszenierung steht sich spätestens im letzten Drittel nur noch selber im Weg. Und obwohl die Auflösung schon klar geht, entgegen südkoreanischem Nihilismus sogar ein angenehm amerikanisches Ende anbietet, hat man das Gefühl, diese Art Film auch schon ein paar Mal (packender) erlebt zu haben - mindestens zweimal von Genre-Primus Fincher selbst, dessen Einfluss sich offenbar auch "Prisoners" beugen muss. 

6/10

Dienstag, 25. November 2014

"Jeepers Creepers" [US '01 | Victor Salva]

Zweigeteilt. Es ist ziemlich genau die erste Hälfte, die noch schwankend, gelegentlich lichtdurchlässig, ansonsten schattenhaft ein ungleiches Geschwisterpaar durchs amerikanische Hinterland rasen lässt und den Kackstift in die Hose treibt. Dabei hätte man auch hier schon ahnen können, welchen Weg dieser schizophrene Flickenteppich aus der Produktionsschmiede Coppolas beschreiten würde, wenn die weibliche Hauptfigur sich schon mal präventiv-ironisch für alles Folgende entschuldigt: „You know the part in scary movies when somebody does something really stupid, and everybody hates them for it? This is it.“ Total ironisch und total Meta, aber auch total blöd.

Trotzdem, diese erste Hälfte geht klar, weil die kompletten Nonsens-Dialoge von Justin Long (total erstaunt) und Gina Philips (ähm, total schön) sympathisch vorgetragen werden und „Jeepers Creepers“ ganz wunderbar mit räumlichen Bildebenen arbeitet. Immer wieder verschiebt Regisseur Victor Salva die Handlungs-treibenden Elemente nämlich in den Hintergrund, ehe er sie nach vorne holt oder über eine der Figuren verlautbaren lässt; etwa dann, wenn die Bedrohung (in der ersten Hälfte lediglich eine schnoddrige Dampfwalze) als vager Schatten im Hintergrund anrollt ohne von unseren Protagonisten erkannt zu werden - „Duel“ lässt grüßen. Hier funktioniert „Jeepers Creepers“tatsächlich, in seinen kinetischen, physischen, primär von rasende Maschinen getriebenen Sequenzen. Und dann hält Salva mit einem von Leichen übersäten Kellergewölbe sogar einen ganz memorablen Moment bereit, der die ansonsten schäbig bis okay getricksten Maskenkreationen durch die kluge Lichtgestaltung beinahe wertig erscheinen lässt.

Es ist ziemlich genau die zweite Hälfte, die konsequent, gelegentlich albern, ansonsten sehr albern ein ungleiches Geschwisterpaar von einer überdimensionierten Fledermaus durch ein amerikanisches Polizeirevier jagen lässt. „Jeepers Creepers“ lässt die Hosen runter, total, tritt das Gaspedal durch, macht volle Lotte Genre-Kino; ja, so sehr schon, dass es knallt. Dabei geht Salva lediglich zurück, reanimiert das Phantastische, das Unerklärliche, gibt dem Bösen ein Gesicht. Ein imponierender Zug, auf die gute, erste Hälfte zeitgenössischen Sehgewohnheiten entsprechenden Genre-Kinos, ein ironisches Creature-Movie folgen zu lassen.

Ausgerechnet finanziell, also von jenen, denen ein solcher Schritt doch am wenigsten zuzutrauen wäre, den Massen horrorfilmguckender Durchschnitts-Amerikaner nämlich, wurde dieser Schritt mit knapp 60 Millionen Dollar Einspielergebnis belohnt. Die Filmkritik rügte „Jeepers Creepers“, einer dieser raren Filme, die Begrenzungen und Genre-Konventionen nicht für bare Münze nehmen, sie gar verschieben, weiter treiben und sich mit ihnen zu spielen trauen, dagegen einhellig. Allen anderen sei dieser Quatsch irgendwie empfohlen - sei es für die erste oder die zweite Hälfte. 

5/10

Mittwoch, 19. November 2014

"Interstellar" [US, UK '14 | Christopher Nolan]

Zimmer zimmert wieder. Und wie. Volle Lotte. Diesmal hat er die Orgelklaviatur für sich entdeckt. Und das soll auch der hinterletzte Vollhorst begreifen. Schließlich, so heißt es, sei Nolan mit „Interstellar“ emotionaler geworden, fühlbarer, wärmer. Weil schmerzverzerrte Gesichter und Rotznasen ja Emotionen bezeugen, die Nolan jedoch wieder einmal unfähig ist zu kommunizieren ohne jede Regung, jedes Gefühl falsch zu erheben und laut auszusprechen. Nolan'sches Erklärbär-Kino, das von langweiligen Figuren erzählt, denen ein Schlauberger-Monlog nach dem anderen in den Mund gelegt wird, wenn sie von Schauwert A zu Schauwert B jagen. Der Schauwert beschränkt sich jedoch auf ein Wurmloch und ein Bücherregal, den Rest hat man in jüngerer Kinovergangenheit („Gravity“) oder gar bei Nolan selbst schon besser gesehen. Bleibt die letzte halbe Stunde, die diesen unsagbar dummen, faul geschriebenen Mumpitz zumindest erträglich macht. Der Pathos und das Sentiment stehen Nolan, aber er vertraut der Kraft seiner Bilder nicht. Es verbleibt die Ambition und der Respekt vor dem Wagnis, den man einem der letzten tollkühnen Hollywood-Dirigenten trotz allem entgegenbringen möchte.

4/10

Samstag, 15. November 2014

"Birth" [US '04 | Jonathan Glazer]

Verblüffend. Kein handwerkliches Ausstellungsspiel, keine leeren Hochglanzbilder, kein Posing. Glazer lässt seine Werbefilm- und Musikvideo-Vergangenheit weit hinter sich, weil er versteht, dass das eine nur bedingt mit dem anderen zu tun hat. Er inszeniert mit sicherer Hand, absolut erstklassig, streckenweise atemberaubend, aber seine Inszenierung dient einem Zweck. Schauspieler-Kino aller erster Güte ist das, in dem Kidman als eigensinnige, zarte Schönheit auf den Spuren von Mia Farrow wieder einmal beweisen darf, welch begnadete Schauspielerin sie doch ist, während Danny Huston als Verlobter versucht im Angesicht sich anbahnender Unordnung Contenance zu wahren, ständig angetrieben oder entschleunigt vom wahnsinnig facettenreichen Score eines Alexandre Desplat, der die innere Unruhe und Unordnung der Figuren musikalisch wiederspiegelt. Und Glazer führt alles zusammen, ordnet an, dirigiert. Alles für das Gedankenspiel, alles für den Film. Leider fällt es schwer sich wirklich empathisch den Figuren zu nähern, dazu sind sie zu weit weg, zu unfassbar, fast parabolisch. Trotzdem sind die Figurenkonstellationen interessant und die Dynamik, die mit dem Auftauchen Sean's in Gang gesetzt wird. Er eröffnet sowohl einen ungeschönten Blick auf den Verlobten (in einer wilden, großartigen Szene festgehalten), als auch die psychische Labilität von Kidman's Figur, die nach wie vor den tiefen Schmerz eines Verlustes in sich trägt; ein Schmerz, der so tief ist, dass sie für die Aussicht auf eine Rückkehr zum Status quo alle aufgebauten sozialen Strukturen, ja ihr ganzes, perfekt arrangiertes Leben dafür fallenlassen würde. "Birth" lebt von seiner tieftraurigen Protagonistin und der Illusion eines Glücks, das nie gelebt werden kann. Die Optionen sind eingeschränkt: Tod oder Unterwerfung? Hoffnung war gestern. 

8/10

Samstag, 8. November 2014

Conan-Retro #2: Jack the Ripper und der Fluch des Mittelmaßes

 „Der Killer in ihren Augen“ [JP '00 | Kenji Kodama]

Prinzipiell scheint es nur konsequent zu sein, nach dem rasanten, groß angelegten dritten Film ein fast schon intimes Personenspiel zu initiieren – zumindest für Conan-Verhältnisse. „Der Killer in ihren Augen“ positioniert also seine Figuren um einen Schauplatz der Vergangenheit und greift die Geschehnisse des Vorgängers wieder auf. Die Auflösung ist dann aber selbst für „Detektiv Conan“ konstruiert und einigermaßen bekloppt, während der entlarvte Täter während des endlos gestreckten Finales in bester Bond-Manier wieder und wieder zu einer neuen, alles erklärenden Bösewicht-Rede ansetzt. Spaß macht diese launige, überlange Doppelfolge natürlich trotzdem. Irgendwie.

4.5/10

„Countdown zum Himmel“ [JP '01 | Kenji Kodama]

Netter Campingausflug. Gerne schnarchig (die Einführung), manchmal spannend (der Mord & die Überführung), aber immer sympathisch (die Gefühlsduselei). Das Finale (brennendes Hochhaus) kopiert „Countdown zum Himmel“ ganz frech vom ersten Leinwand-Abenteuer und das Auftauchen der Männer in Schwarz bleibt ohne jede Relevanz. Der Schlussakt gipfelt dann zumindest richtig schön over-the-top. Ansonsten scheint der Umfang der Handlung kaum ausreichend für einen abendfüllenden Spielfilm und wurde für die deutsche TV-Ausgabe beschnitten, um im Doppelfolgen-Format seine Premiere zu feiern.


4/10

„Das Phantom der Baker Street“ [JP '02 | Kenji Kodama]

Los geht’s mit einem erwachsenen Einstieg, der nichts erklärt und doch den Ton für die kommenden 90 Minuten setzt. Das hat in diesen Momenten nichts mehr mit kindgerechter Unterhaltung zu tun und verweist bereits auf die spannende Prämisse des sechsten Kinofilms: Virtual Reality. Dieses Konzept ermöglicht es Conan ein von seinem Vater (ein Schriftsteller, der hier einen seiner raren Langzeit-Auftritte hat) erdachtes Videospiel zu betreten, welcher sogar Elemente aus seinem eigenen Leben in die virtuelle Realität transferiert hat (er leiht Holmes sein Gesicht). Platte Kommentare zur gesellschaftlichen Elite des Inselstaates und damit zu einem sich im Kreis drehenden System, in dem hochrangige Positionen lediglich innerhalb geschlossener Familiendynastien weitergereicht werden, kann sich "Das Phantom der Baker Street" dabei aber nicht verkneifen.

Die Figur des Sherlock Holmes, die nicht nur in der Originalserie immer wieder eine zentrale Rolle spielte, sondern auch eine maßgebliche Inspiration für den namensgebenden Protagonisten gebildet haben dürfte, erfährt hier durch mehr oder minder offensichtliche Verweise (von Moriarty bis Irene Adler sind alle dabei) und vor dem Hintergrund der englischen Hauptstadt im 19. Jahrhundert eine respektvolle Hommage (Conan vs. Jack the Ripper), die auch die eigenen Parallelen zum literarischen Vorbild ironisch reflektiert - „Die Baker-Street-Bande macht also das selbe wie wir“. Den Täter von Beginn an zu offenbaren beschneidet den Film dabei auch viel weniger in seinen Möglichkeiten Spannung zu erzeugen, als dass er den Fokus lediglich auf andere Aspekte der wunderbaren Geschichte zu lenken weiß und das Wissen um den Mörder gar als Antriebsfeder für den Zuschauer nutzt.

Sobald das Cyberspace nämlich erst einmal als letzte Ruhestätte eines auf ewig gefangenen Geistes in Aussicht gestellt wurde und das zur Massenbelustigung erdachte Produkt durch einen Hackerzugriff zum Spiel auf Leben und Tod erhoben, generiert „Das Phantom der Baker Street“ seine Spannung an ganz anderer Stelle. Diesem sechsten „Detektiv Conan“-Film geht nicht einmal zum Finale die Puste aus, ganz im Gegenteil: zum Schluss gibt’s noch die androgyne Jack the Ripper-Version der Japaner, eine nicht enden wollende Zugfahrt und ein Conan, dem für einen kurzen Moment die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. „Also wirklich, dieser Computer hat einen schlechten Charakter.“

7/10

Samstag, 1. November 2014

Zuletzt gesehen: Oktober 2014

"Perfect Sense" [UK, DK, IR '11 | David Mackenzie] - 5/10

"Suspiria" [IT '77 | Dario Argento] - 6.5/10

"Hard Boiled" [HK '92 | John Woo] - 4/10

"Terror in der Oper" [IT '87 | Dario Argento] - 5.5/10

"Glengarry Glen Ross" [US '92 | James Foley] - 6/10

"Jack Reacher" [US '12 | Christopher McQuarrie] - 6/10

"Wie in alten Zeiten" [FR '13 | Joel Hopkins] - 3/10

"Videodrome" [CA, US '83 | David Cronenberg] - 5.5/10

"Inland Empire" [US '06 | David Lynch] - 5/10

"Avanti, avanti!" [IT, US '72 | Billy Wilder] - 5/10

"Singin' in the Rain" [US '52 | Stanley Donen & Gene Kelly] - 7.5/10

"The Straight Story" [FR, US '99 | David Lynch] - 7/10

"Brave" [US '12 | Brenda Chapman] - 5/10

"The Amityville Horror" [US '79 | Stuart Rosenberg] - 3/10

"Taken 2" [FR '12 | Olivier Megaton] - 2/10

"Away We Go" [UK, US '09 | Sam Mendes] - 5.5/10

"Tanz der Vampire" [US '67 | Roman Polanski] - 5/10

"Tatort: Im Schmerz geboren" [DE '14 | Florian Schwarz] - 4/10

"Hiroshima mon amour" [FR, JP '59 | Alain Resnais] - 5/10

"Lemming" [FR '05 | Dominik Moll] - 6/10

"Scream" [US '96 | Wes Craven] - 8/10

"Scream 2" [US '97 | Wes Craven] - 5.5/10

"Scream 3" [US '00  | Wes Craven] - 5.5/10

"Ein Prophet" [FR '09 | Jacques Audiard] - 6.5/10

"Gone Girl" [US '14 | David Fincher] - 6.5/10

"We Own the Night" [US '07 | James Gray] - 3.5/10

"Der Eissturm" [US '97 | Ang Lee] - 7/10

"Super" [US '10 | James Gun] - 5/10

"The Hunter" [AU '11 | Daniel Nettheim] - 5/10

"Louie" [US '10 | Season 1] - 7/10

"Louie" [US '11 | Season 2] - 6.5/10

"Dredd" [UK, IN, US '12 | Pete Travis] - 4/10

"The Expendables 2" [US '12 | Simon West] - 4/10

"Lilja 4-ever" [DK, SE '02 | Lukas Moodysson] - 6.5/10

Freitag, 31. Oktober 2014

"Eden Lake" [UK '08 | James Watkins]

Kompromisslos asozial. So erbarmungslos und unbarmherzig zupackend, so konsequent zu Ende gedacht hätte ich „Eden Lake“ überhaupt nicht eingeschätzt. Auf seinem fatalistischen (auch in der FSK-18-Fassung geschnittenen, weil hierzulande indizierten) Weg nervt Watkins zwar in aller Regelmäßigkeit mit abgehangenen Genre-Klischees (Freundin erschrecken heißt Zuschauer erschrecken; beklopptes „Versteck-hopping“ inklusive), dennoch zwingt dich „Eden Lake“ fortwährend dazu sich zu positionieren und Stellung zu beziehen, womit er bereits einer Vielzahl emotional schlichtweg an dir vorbeiziehender Genre-(Tot)Geburten einiges voraus hat.

Interessant ist auch, wie Watkins – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Während der obligatorischen, zunächst fast ausschließlich von emotionalen Hochmomenten getriebenen Einführung (ein Kontrast, den fast jeder Genre-Vertreter im Vorfeld seiner Tour de Force bemüht), nimmt Watkins immer wieder die Perspektive eines unbekannten Beobachters ein, der das campende Pärchen (Michael Fassbender & Kelly Reilly) aus den Büschen heraus observiert. 

Zuvor schon lernen wir eine Gruppe Jugendlicher kennen, die sich alsbald als wahre Bedrohung erweisen. Dennoch lässt uns Watkins zunächst in dem Glauben, in den Büschen würde uns etwas anderes erwarten. Womöglich etwas, das außerhalb eines realen Bezugspunktes liegt und das damit auch eine gewisse Distanz ermöglicht, die einem „Eden Lake“ schließlich verwehrt. Er schafft im Grunde das Äquivalent zum Monster unter dem Bett oder im begehbaren Kleiderschrank, vor dem wir uns in unserer Kindheit immer gefürchtet haben. Heute erkennen wir, dass diese Angst irrational war und ohne jede Grundlage. „Eden Lake“ streut also eine Finte, um schließlich einen anderen Weg zu beschreiten.

Wir sehen die Bedrohung, als sie noch potenziell war. Wir sehen jedes einzelne Gesicht, können sogar einem Dialog beider Seiten beiwohnen, dennoch erwächst hieraus der Horror des Films. Dieser Horror ist real. Dieser Horror hat ein Gesicht und eine Stimme. Das psychologische Phänomen der Gruppendynamik, das in diesem Fall ganz entscheidend unter dem Einfluss seines sozialen Umfeldes steht, in ein Genre-Korsett zu zwingen und nur oberflächlich als dramaturgische Antriebsfeder zu nutzen, mag generell diskutabel sein, trotzdem liefert „Eden Lake“ interessante Eindrücke, die während der Sichtung tatsächlich einen spürbaren Mehrwert generieren.

Zwar begreift Watkins letztlich alle Beteiligten als Täter, die gesamte Eskalation geht aber interessanterweise nur von einer einzigen Führungspersönlichkeit aus, die die gruppendynamischen Mechanismen gezielt bedient. Obwohl nur eine Person aktiv Druck ausübt, damit droht die Rollen ins Gegenteil zu verkehren, beugt sich der Rest der Gruppe seinem Willen. Es ist jedoch nicht nur die Angst vor der angedrohten Gewalt, die die Jugendlichen zu gewaltbereiten Mitläufern werden lässt, sondern auch die davor, ausgegrenzt zu werden, nicht mehr Teil von etwas zu sein. Also ist man lieber Teil von etwas, das einem grundlegend widerstrebt, als alleine zu sein. Ein Leben verliert da ganz plötzlich seinen Wert. Zudem finden sich die selben hierarchischen und Gruppen-psychologischen Zusammenhänge auch in der vorigen Generation wieder, die die Menschenjagd schlussendlich beschließt und jede Frage von Verantwortlichkeit in einem wütenden Reflex erstickt. - Einfältig? Mag sein. Langweilig? Nicht doch.

5/10

Samstag, 25. Oktober 2014

"Cowboy Bebop" [JP '98 | Hajime Yatate]

Locker-lässiger Space-Western mit 26 voneinander unabhängigen Episoden, tollen Zeichnungen und ganz viel Jazz. Die etwas redundante Episoden-Struktur (die ersten Folgen werden z.B. allesamt mit einer Schießerei eröffnet) und gewohnt statischen Protagonisten schmälern das Vergnügen dabei nur bedingt. Die Figurenschablone einer Faye, die man in ihrem Nutten-Fummel und der ungevögelten Emanzen-Attitüde gefühlt schon hundertmal gesehen und ebenso oft gehasst hat, gehört jedoch schon lange abgeschafft. Mit der späteren Integration eines Kindes ins Bebop-Team verscherzt man es sich dank dessen Maskottchen-Funktion an der ansonsten wunderbar facettenreichen Figuren-Front zumindest nicht gänzlich. Dass "Cowboy Bebop" keine zusammenhängende, große Geschichte erzählt, ist angesichts der tollen, tragischen Randfiguren, die in einer Folge auftauchen und dann wieder verschwinden, schnörkellosen Auseinandersetzungen und einem reichen, voll von nuancierten Stilblüten ausstaffierten Universum, das eben nur andeutet und subtil Fährten legt und nicht alles ausformuliert auf den Tisch knallen muss, eine einzige Schande. Umso beeindruckender, dass "Cowboy Bebop" dennoch absolut sehenswert, originär und voller leiser, großer Höhepunkte durchzogen ist. Empfehlung!

6/10

Samstag, 18. Oktober 2014

"Bitter Moon" [UK, FR '92 | Roman Polanski]

Sexuell zum Bersten gespanntes Beziehungsspiel. Polanski zelebriert den jungen Apfelsinen-Körper von Ehefrau Emmanuelle Seigner nicht einfach, er erhebt ihn zum Gravitationszentrum, um das alles kreist und dem sich niemand entziehen kann. Er seziert Abhängigkeitsverhältnisse, (britische) Scheinheiligkeit und das Spiel mit der Lust in einem Prisma glänzender Titten, sexueller Offenbarung und immerwährender, zügellos waltender, animalischer Anziehungskraft – Intellektualismus durchkreuzt von den Ur-Trieben. Peter Coyote als unausstehlicher, Gesprächs-reflektierender Krüppel, Hugh Grant als er selbst in der Dekonstruktion all seiner Rollen. Verbal-Exhibitionismus at its best, ein Hort der Perversion und sexuellen Skurrilität. Polanski stellt die uns selbst auferlegten, moralischen Bürden in Frage, beschreibt Abhängigkeiten im Zuge vollkommener Selbstaufgabe und Erniedrigung als Ausdruck absolut ausgelebter Macht. Von der Illusion nie enden wollender, grenzenloser Liebe, starrem, kontinuierlichem Verlangen nach ein und der selben Person abseits jeder Lebenswirklichkeit bis zur Zerfleischung, der psychischen und dann plötzlich ganz physisch werdenden Verstümmelung ehemalig Liebender. Der zynische Schlussakkord, der dem unausweichlichen Ende vorausgeht, inmitten eines surrealen, Konfetti-verschießenden Gelages, hallt derweil über den Abspann hinaus nach. Geil!

7.5/10

Samstag, 11. Oktober 2014

"Warrior" [US '11 | Gavin O'Connor]

Ein Film über ein Haufen eitler Prolls, die glauben, das Leid der Welt kreise um sie. Der einzige, der hier wirklich auf die Fresse bekommt ist Nolte, der sich von Steroide-Hardy eine Vorhaltung nach der anderen anhören muss, ohnmächtig auf eine Chance der Vergangenheit verändert entgegenzutreten. Ansonsten: Genre as usual, erzkonservativ und tumb bis zum Abwinken. Statt sich mit Visagen-Kloppen ein paar Dollar dazuzuverdienen, sollte man sich hier eher fragen, ob man in der Vergangenheit finanziell immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ja, „Warrior“ ist schon martialisch und blöd, aber zum Glück ist das in der zweiten Hälfte egal. Dann ist er auch kurzweilig, unterhaltsam und durch die simpelste Turnier-Dramaturgie auch ungeheuer mitreißend. Guilty Pleasure. 

5/10

Freitag, 10. Oktober 2014

"Captain America: The Winter Soldier" [US '14 | Anthony & Joe Russo]

Überraschung. Um Welten bessere und in vielerlei Hinsicht verbesserte Fortsetzung des schwachen Erstlings. Sinnige, ausgewogene und abwechslungsreiche Action-Set-Pieces, die an den richtigen Stellen platziert und woanders ausgespart bleiben, haben richtig Druck auf dem Kessel und kommen vom generischen Finale einmal abgesehen ohne den gerade bei Marvel inhärenten CGI-Overkill aus. Die blasse Performance eines Evans wird dabei von den launigen Auftritten echter Profis zu großen Teilen aufgefangen. In dieser Hinsicht hat sich der Schritt, weg vom Ego-Trip einen gleichberechtigten Ensemble-Film zu installieren, in jedem Fall ausgezahlt, der endlich auch mal das spaßige Cast bis zu seinen Grenzen hin ausreizt oder entsprechend ausweitet. Sogar die Bedrohung ist richtig schön gallig, lässt nicht locker und ballert gerade Fury die Hucke voll. Der Winter Soldier verliert mit Offenbarung seiner Identität und Verlust seiner Halbmaske zwar vollkommen, partizipiert bis dahin aber von saftigen, Bad-ass-inszenierten Fights, die mit tollen Ideen (Lenkrad herausreißen) und rasanten Choreographien (Messerkampf) glänzen. Die Geschichte um eine Verschwörung innerhalb der S.H.I.E.L.D.-Organisation nimmt darüber hinaus genügend Platz ein, um ernst genommen zu werden und besinnt sich nach etlichen außerirdischen oder Terror-verbreitenden Bedrohungen auf die Gefahr im Verborgenen, die Paranoia am Arbeitsplatz und den Verräter in den eigenen Reihen. Tatsächlich: der beste Marvel-Film so far. 

6.5/10

Dienstag, 7. Oktober 2014

Conan-Retro #1: Wolkenkratzer, Bombe, Identität.

„Der tickende Wolkenkratzer“ [JP '97 | Kenji Kodama]

Die ausführlichen Intros der Conan-Filme erlauben es sogar interessierten Neueinsteigern hier einen kurzen Blick zu riskieren. Für Fans gibt es derweil ein Wiedersehen mit alten Bekannten, routiniertes Schnüffeln eines klugscheißenden Teenagers und Animationen, die leider nicht über Serien-Niveau hinauskommen. Am Status quo ändert sich auch hier nicht viel und all jene, die mit der Serie schon nichts anzufangen wussten, werden auch mit dieser netten Hatz nicht umgestimmt werden können. Ansonsten folgt zumindest die Erkenntnis, dass Conan auch auf der großen Leinwand funktioniert.

4.5/10

„Das 14. Ziel“ [JP '98 | Kenji Kodama]

Das Credo der Conan-Kinofilme scheint simpel: Einfach alles ist eine kleine Nummer größer und weitet die im Serienformat installierten Mehrteiler abermals aus. Mehr Figuren, längerer Showdown und immer geht irgendetwas kaputt. Dramaturgisch kopiert "Das 14. Ziel" sowohl Serien-Episoden (bei über 700 Folgen kein Wunder) als auch seinen Vorgängerfilm (Auflösung, Flucht, Sieg). Den Täter antizipiert man – selbst wenn man nur rudimentär mit "Detektiv Conan" vertraut ist - auch schon gut 50 Minuten vor dem Ende. Immerhin nutzen die Macher das neue Format, um den Protagonisten durch Exkurse in die Vergangenheit so etwas wie Tiefe zu verleihen und der jazzige Synthi-Soundtrack der Serie fällt hier zum ersten Mal richtig ins Gewicht, während die Schmarmützel zwischen den eigentlich erschreckend flachen Figuren, Nostalgikern nach wie vor ein Grinsen auf das Gesicht zaubern dürften.

5/10

„Der Magier des letzten Jahrhunderts“ [JP '99 | Kenji Kodama]

Klasse! Die Macher spielen alle Trumpfkarten aus, die ihnen das Serien-Franchise an die Hand gibt: Ein spannender Plot, der zum miträtseln einlädt, abwechslungsreiche Schauplätze (u.a. auf dem hohen Meer und einer Schloss Neuschwanstein-Kopie) und eine Vielzahl der sympathischen Figuren des Conan-Universums. Die Wendungen lassen im richtigen Maße an den eigenen Schlüssen zweifeln und die Hinweise sind offensichtlich und doch nie gänzlich einzuordnen. Deswegen bleibt vieles zunächst Ahnung und keine Gewissheit. Auch die vielfältigen Referenzen zu Geschichte, Sprache und Kultur eines Landes (hier: Russland) lassen in "Der Magier des letzten Jahrhunderts" (eigentlich: The Last Wizard of the Century) ein zentrales Element der Originalserie wiederaufleben. Zudem gönnt dieser dritte Kinofilm mit Kaito Kid auch einem der großen Conan-Gegenspieler einen mittelgroßen Auftritt. Und endlich wird auch Conan's wahre Identität ein entscheidendes Thema, das zunächst nur am Rande, dann aber ganz entscheidend zur Spannung beiträgt, geht es doch neben der Suche nach einem Mörder, sowie einem Meisterdieb, nun auch um die Bewahrung der eigenen Interessen. Bemerkenswert ist deshalb vor allem der große Plot, der vor dem Hintergrund einer klassischen Kriminalgeschichte das Genie eines narzisstischen Teenagers, minutiösen, Gadget-befeuerten Heist, Kinderabenteuer und Familiengeschichte miteinander vereinbart.

6.5/10

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Zuletzt gesehen: September 2014

"Casshern" [JP '04 | Kazuaki Kiriya] - 6/10

"Monsters" [UK '10 | Gareth Edwards] - 4/10

"30 Days of Night: Dark Days" [US '10 | Ben Ketai] - 2/10

"Sleeping Beauty" [AU '11 | Julia Leigh] - 6/10

"Holy Motors" [FR '12 | Léos Carax] - 6/10

"Twin Peaks: Fire Walk With Me" [US '92 | David Lynch] - 6/10

"The American" [US '10 | Anton Corbijin] - 4/10

"Paranoia Agent" [JP '04 | Satoshi Kon] - 7.5/10

"Tron" [US '82 | Steven Lisberger] - 6/10

"Die Schiffsmeldungen" [US '01 | Lasse Hallström] - 5/10

"The Texas Chainsaw Massacre" [US '74 | Tobe Hooper] - 6/10

"Dame König As Spion" [UK '11 | Tomas Alfredson] - 7/10

"Ferris macht blau" [US '86 | John Hughes] - 4/10

"Critters" [US '86 | Stephen Herek] - 3/10

"Liebe" [AT, DE, FR '12 | Michael Haneke] - 6/10

"The Outsiders" [US '83 | Francis Ford Coppola] - 4.5/10

"Big Trouble in Little China" [US '86 | John Carpenter] - 6/10

"The House of the Devil" [US '09 | Ti West] - 7/10

"Hwal" [KR '05 | Kim Ki-duk] - 5/10

Montag, 29. September 2014

"Panic Room" [US '02 | David Fincher]

Stark! Fincher's stets als Fingerübung ausgewiesene fünfte Regie-Arbeit belegt lediglich die herausragende Qualität seines bisherigen Schaffens. „Panic Room“ ist von vorne bis hinten grandios gespielt, stets gnadenlos körperlich und von Fincher, der das Tempo im richtigen Moment anzieht, den Schnitt ausspart und die Kamera quasi das gesamte Apartment durchfahren lässt, exzellent in Szene gesetzt. Und obwohl der Handlungsort aufs Äußerste komprimiert ist, steht den Figuren der Schweißfilm auf der Stirn und die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Denn das kann Fincher wie kein zweiter: Bewegung erzeugen, wo der Raum Stillstand verlangt, räumliche Begrenzungen kreativ überwinden, Stilblüten anordnen, Struktur nicht mit Stillstand verwechseln. Howard Shore wandelt mit seinem mal gleitenden, mal treibenden Score derweil auf den Spuren Polanski's, versteht Filmmusik demnach in erster Linie als Klangteppich, der sich nur ganz nuanciert aufbäumt, tosend wird, auflehnt, um im gleichen Moment wieder in sich einzukehren. Wichtiger noch ist Koepp's Vorlage, die keinen Bullshit macht. Von der ersten, bis zur letzten Minute macht das alles Sinn. Jede Handlung ist nachvollziehbar, keine Figur bloß Statist (Polizist) und Sentimentalitäten grenzt Koepp auf Kosten einer womöglich allzu toughen Mutter-Tochter-Konstellation gänzlich aus. Selbst für lakonisch-schwarzen Humor ist hier noch Platz. Jodie Foster gibt resolut eine dieser raren wirklich starken Frauenfiguren im Fincher-Kosmos, an ihrer Seite agiert eine sehr junge, gute Kristen Stewart. Ansonsten war Home-Invasion nie ansteckender, spannender und im richtigen Moment auch richtig schön schmerzhaft. 

7/10

Samstag, 27. September 2014

"The Deer Hunter" [US '78 | Michael Cimino]

Ein schwieriger und mutiger Film, der eigenwillige Schwerpunkte setzt und kraftvolle, ungewöhnliche Momente voll stillen Schmerzes entwirft. Die wenigen Sequenzen, die tatsächlich Vietnam zum Handlungsort haben, sind auch nach dreißig Jahren noch wirkungsvoll und arbeiten über die perverse Situation des Russisch-Roulette präzise mit dem Motiv der Willkür des Todes in einem Krieg, der eigentlich nie zu gewinnen war. Krieg ist hier ein brütend heißer, dampfender Ort, den man so schnell wie möglich wieder verlassen möchte und die Städte sind bebende Slums, in denen die Prostitution und das Glück regiert. Überhaupt, wer hier überlebt, hat einfach nur Glück gehabt. An der Darstellung des vietnamesischen Volkes, das hier in erster Linie als zockendes, menschenverachtendes Kollektiv gezeigt wird, kann man sich stoßen, wenngleich diese Vorwürfe dadurch, dass es sich in diesen Fällen zumeist um Mitglieder des Militärs handelt, einigermaßen entschärft werden können. DeNiro, Walken und Streep jedenfalls liefern hier absolute Glanzleistungen ihrer großen Karrieren ab, während sich „The Deer Hunter“ drei Stunden lang hingebungsvoll ihren facettenreichen Figuren widmet, immer wieder überrascht und jedem seine Zeile oder einfach einen stillen Moment gönnt. Die zynische Schlussszene verdeutlicht überdies die Zerrissenheit des Amerika der 70er Jahre, während auf Streep's Gesicht der Schmerz einer zutiefst verunsicherten Nation Ausdruck findet. Gleichzeitig versucht DeNiro die Haltung zu wahren und schreit in sich hinein. Solche Filme werden heute einfach nicht mehr gemacht. 

7.5/10

Samstag, 20. September 2014

"The Last Kiss" [US '06 | Tony Goldwyn]

Das erste Mal habe ich „The Last Kiss“ als heranwachsender Geschmacks-Verwirrter und einigermaßen großer Zach Braff-Fan gesehen. Circa sechs Jahre später, heute also, wollte ich mich diesem naiv-schönen Nichts erneut begeistert widmen - und scheiterte. „The Last Kiss“ ist vom Schlechten zu viel und vom Guten zu wenig, und er nutzt seine Chancen einfach nicht. Das schwammige Drehbuch versucht zwar irgendwo abseits der üblichen Schemata eine eigene Sprache zu finden, verfolgt aber keinen der thematischen Ansätze ernsthaft bis zum Schluss. 

Die Ambition gleich eine Hand voll Beziehungen – vom kürzlich getrennten Verzweifelten bis hin zum alten Ehepaar - und ihr scheinbares Scheitern zu sezieren, führt leider nur zu oberflächlichen Figurenskizzen und Beziehungsumrissen, von denen kein Part genügend Gelegenheit bekommt, sich konsequent von A nach B zu entwickeln, zumal sich die heraufbeschworenen Konflikte mit Coldplay-Mucke und unglaublich kitschigen One-Linern aus der Mottenkiste schlussendlich viel zu schnell in Wohlgefallen auflösen. 

Es fehlt einfach überall ein bisschen, niemand ragt heraus, reißt außerhalb seiner Figurenkonzeption irgendetwas oder geht ein Risiko ein - Braff ist er selbst, Barrett als Männer-verstehende Traumfrau einigermaßen beliebig und gerade wenn sie gegen Ende in ihre viel zu hysterische Rolle gedrängt wird auch erstaunlich unsympathisch. Tom Wilkinson als altväterlicher, Pseudo-Weisheiten-verbreitender Ignorant und Bilson in einer weiteren Nerv-Rolle komplettieren den Kreis jener, die sich einem Drehbuch ausgesetzt sehen, dass sich dann doch immer wieder dorthin drängt, von wo es sich eigentlich distanzieren möchte – dem einfachen Genre-Vertreter. 

„The Last Kiss“ ist dabei fortwährend ein zutiefst amerikanischer Film, und das ist okay, integriert er das amerikanische Selbstverständnis doch in einen geerdeten Rahmen. Wie es die Probleme und Ängste im Alltag aber nun zu bewältigen gilt oder ob eine Trennung manchmal vielleicht doch die beste Lösung ist, lässt der Film unbehandelt und beugt sich dem common sense seines Genres. Dass sich am Ende dann doch niemand trennt und scheinbar alles wieder ganz toll ist, widerstrebt dabei nicht nur den Figuren, sondern offenbart darüber hinaus auch eine überaus verquere Weltsicht, in der eine Scheidung und die Trennung des gemeinsamen Weges offenbar mit der Vorstellung eines traditionellen, alles auflösenden Happy Ends kollidiert. Nostalgie kann manchmal eben auch ein Fluch sein.

4/10

Sonntag, 31. August 2014

Zuletzt gesehen: August 2014

"The Amazing Spider-Man" [US '12 | Marc Webb] - 3/10

"The Amazing Spider-Man 2 - Rise of Electro" [US '14 | Marc Webb] - 3/10

"Joy Ride" [US '01 | John Dahl] - 4/10

"Moneyball" [US '11 Bennett Miller] - 6.5/10

"Keine Lieder über Liebe" [DE '05 | Lars Kraume] - 5/10

"Let Me In" [UK, US '10 | Matt Reeves] - 6/10

"Warrior" [US '11 | Gavin O'Connor] - 5/10

"Captain America: Winter Soldier" [US '14 | Anthony & Joe Russo] - 6/10

"Bambi" [US '42 | David Hand] - 7/10

"Upstream Color" [US '13 | Shane Carruth] - 5/10

"Das Phantom Kommando" [US '85 | Mark L. Lester] - 5/10

"Inside Man" [US '06 | Spike Lee] - 5/10

"Cloud Atlas" [DE, HK, SG, US '12 | Tykwer & Wachowskis] - 5.5/10

"Crazy Heart" [US '09 | Scott Cooper] - 5/10

"Road to Perdition" [US '02 | Sam Mendes] - 6.5/10

"Paprika" [JP '06 | Satoshi Kon] - 7/10

"Millennium Actress" [JP '01 Satoshi Kon] - 6/10

"Tokyo Godfathers" [JP '03 | Satoshi Kon] - 7/10

"Under the Skin" [UK '13 | Jonathan Glazer] - 8/10

"Blau ist eine warme Farbe" [FR '13 | Abdellatif Kechiche] - 5.5/10

"Man of Steel" [US '13 | Zack Snyder] - 4/10

"The Place Beyond the Pines" [US '12 | Derek Cianfrance] - 7/10

"Absolute Giganten" [DE '99 | Sebastian Schipper] - 7/10

"Der Räuber" [AT, DE '10 | Benjamin Heisenberg] - 5.5/10

"Ping guo" [CN '07 | Yu Li] - 4/10

"The Lego Movie" [AU, DK, US '14 | Phil Lord & Christopher Miller] - 5/10

"Lucy" [FR, US '14 | Luc Besson] - 6/10

"Don Jon" [US '13 | Joseph Gordon-Levitt] - 4/10

"Das verflixte 3. Jahr" [FR '11 | Fréderic Beigbeder] - 5/10

"Man on the Moon" [US '99 | Milos Forman] - 8/10

"Adaption." [US '02 | Spike Jonze] - 5.5/10

"Synecdoche, New York" [US '08 | Charlie Kaufman] - 5/10

"Looper" [US '12 | Rian Johnson] - 4/10

Samstag, 23. August 2014

"Dressed to Kill" [US '80 | Brian de Palma]

De Palma hat es tatsächlich vollbracht. „Dressed to Kill“ hätte in ganz ähnlicher Form auch von einem gut gelaunten Hitchcock stammen können. Weite Teile seiner Handlung treibt de Palma ohne ein einziges gesprochenes Wort voran und besinnt sich einzig und allein auf die filmischen Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Deswegen ist de Palma im Kino, und nur im Kino, wirklich Zuhause. Die Geschichte einer offenkundig sexuell getriebenen, spontanen Affäre benötigt in diesem Zusammenhang auch keine Worte, die sie verlautbart, sondern kann ausschließlich über Bilder, über Gesten und Blicke, sowie treibende Kamerabewegungen erzählt werden. Es scheint also bezeichnend, dass der einzige Versuch das Wort an die namenlose Liebschaft zu richten, in einem leidenschaftlichen Kuss erstickt, dem alsbald eine tiefer gleitende Hand und ein verlorenes Höschen folgt – alles im Taxi, versteht sich. Dauerbefeuert vom orchestralen Pomp Donaggio's, dessen Score nur eine Richtung zu kennen scheint, und zwar die, die unaufhörlich, unermüdlich, unnachgiebig nach vorne prescht, bis auch der hinterletzte Vollhorst verstanden hat, wem dieses dauergeile, übersexualisierte Thriller-Puzzle gilt, das mit gelegentlicher Subtilität gar überlebensgroße, zeitlose Momente von berstender Spannung kreiert (U-Bahn). Auf einen alles erklärenden Plausch eine abermalige Konfrontation folgen zu lassen, jeder final wirkenden Szene eine weitere anzuhängen und den Film so immer weiter zu verschachteln, erweist sich als simpler, aber spannender Kniff. Wer mag, darf de Palma auch hier die üblichen Vorhaltungen machen - Misogynie lässt grüßen. Wer das aber ernsthaft in Erwägung zieht, dem ist eh nicht mehr zu helfen. De Palma erweist sich einmal mehr als ungeheuer moderner Filmemacher, der dem Konzept einer Hommage mit schier grenzenlosem, inszenatorischem Enthusiasmus begegnet - und der Nerd bekommt am Ende das Mädchen. 

7/10

Sonntag, 17. August 2014

"The Act of Killing" [ID '12 | Joshua Oppenheimer]

Wenn diese Menschen nun – Männer, Väter, Großväter, Mörder, Massenmörder - sich wie Gangster aus einem 50er Jahre Hollywood-Film verkleiden, von Pacino und Brando schwafeln und ihre Taten - echte, unwiderrufliche Morde - mit Kunstblut und billigen Masken nachstellen, dann hebt „The Act of Killing“ die Grenzen zwischen Realität und Fiktion endgültig auf. Sie fiktionalisieren ihre Taten, und wir schauen ihnen dabei zu. Sie stellen Kinobilder nach, werfen sich in Pose, imitieren Habitus und Gerede, verzerren die Wahrheit zum Maskentheater. Aber das hier ist echt. Freie Männer nennen sie sich. Freie Männer, die sich – wenn sie sagen, dass sie es tun mussten, obwohl es falsch war – als unfrei erweisen, weil sie die Kraft zur Entscheidung an andere abgegeben haben. Freie Männer, die bis heute unfähig sind, sich ihren Taten zu stellen und die im Fernsehen gefeiert werden als jene, die einen möglichst humanen Weg der Tötung auszutarieren versuchten. Spätestens die letzten zwanzig Minuten folgen dann Szenen von unfassbarer Intensität, die auch die Frage nach dem Wert einer solch späten Einsicht aufkommen lassen. Wie viel ist ein Leben wirklich wert?

7/10

Samstag, 9. August 2014

"Antichrist" [DK, DE, FR, IT '09 | Lars von Trier]

Auf unzähligen Ebenen wurde „Antichrist“ inzwischen gedeutet und erforscht. Und sicherlich eröffnet von Trier durch zahlreiche Hinweise, Symbole aus Theologie und Mythologie, sowie die vielfältig interpretierbare Psychologie seiner Figuren einen großen Raum für eigene Deutungsansätze, die dank der codierten Filmsprache auch entsprechend variieren können. Dennoch tendiere ich am Ende des Tages eher dazu, seinem Film ein aufgehendes, nahtlos in sich greifendes Gesamtkonzept zu versagen und „Antichrist“ vielmehr als assoziativen Seelenstriptease zu begreifen, als Versuch eines Regisseurs den eigenen Schmerz filmästhetisch zu übersetzen, vielleicht auch nur zu umschreiben und codiert (nonverbal) auszusprechen. Macht man sich nun also auf die Suche nach Antworten wird „Antichrist“ scheitern, weil er selber nur von der Suche erzählt. Es folgen somit einige ungeordnete Beobachtungen, die ich auf die für mich wichtigsten Aspekte knapp heruntergebrochen habe. Für viele dürfte ich keine neuen Erkenntnisse formulieren und selbstverständlich erhebe ich keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Trier zwingt seine Figuren im Prolog durch die Libido zur Handlungsunfähigkeit und setzt der Lust, den Hochgefühlen seiner beiden Protagonisten gleichzeitig das Grauen und die Unmittelbarkeit des Todes entgegen. Die Schaffung neuen Lebens ist hier nur ein Zimmer weit vom Ende eines anderen entfernt - ja, von Trier treibt diesen Kontrast sogar so weit, dass der Höhepunkt des Sexualaktes auf den Moment fällt, in dem der Akt des Todes seine Endgültigkeit erreicht. Das Erliegen der niederen Triebe, die Hingabe zur Lust, ist nun nichts weiter, als der scheinbare Grund für den Tod des Kindes. Infolgedessen ist Sexualität in „Antichrist“ immer auch mit Sünde, mit Schmerz und untrennbar mit dem Tod verbunden. Jedoch ist diese gestörte Wahrnehmung von Sexualität nur einseitig und auf die Frauenfigur beschränkt. Der Mann begreift Sexualität nach wie vor ohne die negativen Konnotationen, die aus dem Prolog für die Frau folgen.Womöglich ist das auch ein Grund für die Gewalt, die sich später gegen ihn richtet. 

Nun haben wir also zwei Figuren, von denen die eine (Dafoe) nur einen kurzen Moment der äußerlich verlautbarten Trauer zeigt und eine andere (Gainsbourg), die in schwere Depressionen verfällt. Dafoe scheint unmittelbar nach Ende der Trauerzeremonie einen souveränen Zugang zum plötzlichen Verlust gefunden zu haben, Gainsbourg dagegen nicht. Sie ist gar auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen und beansprucht diese auch für sich. Der Umgang zwischen diesen beiden Figuren im ersten Kapitel trägt auch gleichzeitig den Dualismus zwischen Moderne und Tradition in sich. Dafoe versucht sich den Ursachen der Symptome über moderne, therapeutische Methoden zu nähern und zieht psychologische Lehren seiner Profession zu Rate (Konfrontationstherapie). Mit dem Fortlauf der Geschichte stößt dieser Ansatz jedoch auf entfesselte Irrationalität.

Gainsbourg hat die Inhalte ihrer Dissertation, die vermeintlichen Wahrheiten des Christentums (Tradition) zu ihren Wahrheiten gemacht. Ihre Vernunft ist okkupiert. Interessant ist hier, dass der Unvernunft der Frau, die des Mannes vorausgegangen war, als er beschloss sie trotz fehlender emotionaler Distanz selber zu therapieren. Die zunächst klaren Positionen der Figuren zueinander, beginnen sich mit dem Betreten von Eden zu verschieben. Die dominante Figur des Mannes versucht zwar fortwährend die Kontrolle zu wahren, doch schon mit dem Aufstieg zur Waldhütte gerinnt in ihm ein erster, unausgesprochener Zweifel als er den verstorbenen Fötus eines Rehs erblickt. 

Dann führt „Antichrist“ die eingeführten Motive um Sexualität und Christentum weiter (und fügt mit Kindesmissbrauch und Hexenverfolgung weitere hinzu), macht es mir jedoch schwer, über die Offensichtlichkeiten hinaus zu Erkenntnissen zu gelangen. Offensichtlich ist, dass mit der bessernden Verfassung der Frau, der Mann in eine Art Lethargie verfällt. Die Mittel der modernen Psychologie haben scheinbar gefruchtet - „Freud is dead, isn't he?“. Zusätzlich dazu verschiebt sich die Wahrnehmung beider zur Natur. Die Frau besucht nun befreit die Orte, die ihr auf dem Hinweg noch Angst und Schmerzen bereitet haben (Brücke), der Mann trifft jedoch auf einen Fuchs, der sich mit den Worten „Chaos reigns!“ an ihn wendet. Währenddessen verspeist der Fuchs seine Innereien; das Äquivalent zu der Beobachtung, die die Frau gemacht hat, als ein aus dem Netz gefallenes Küken von einem größeren Vogel verspeist wird (natürliche Auslese → Darwinismus).

Der Mann findet anschließend eine Zusammenstellung der Materialien, die seine Frau für ihre Dissertation über Hexenverfolgung angesammelt hat. Schon zuvor macht er die Entdeckung, dass seine Frau für die Deformation der Füße ihres Kindes verantwortlich war, indem sie ihm die Schuhe einen gesamten Sommer über verkehrt herum anzog. Die Moderne versagt in dem Bestreben sich der Natur aufzudrängen, zumindest ihrem entrückten Verständnis von Moderne nach. Ihr Selbsthass scheint nun weit weniger irrational und die Zweifel des Mannes ganz konkret. Daraufhin kommt es erst zu Sex und dann mit dem Zerquetschen der Hoden des Mannes zu einer Gewalteskalation, die sich ganz konkret gegen dessen Sexualität richtet und mit der späteren Verstümmelung der Klitoris, die sich die Frau selber zufügt, auch gegen ihre eigene. Sie bestraft numher also nicht mehr nur sich selbst, sondern übernimmt angesichts ihrer verzerrten Wahrnehmung, Verantwortung für ihre Sünden (der Sex, der mit dem Tod ihres gemeinsamen Sohnes zusammenfiel). 

Die Geschehnisse in der Waldhütte gipfeln im Tod der Frau und ihrer anschließenden (Hexen-)Verbrennung. Dieser Klimax markiert jedoch nicht nur die Katharsis seiner Figuren, sondern verhindert auch eine Ankunft des Antichristen, den Frau und Mann zuvor vor einem in Leichen labenden Baum gezeugt hatten. Diese Szene erhebt die Männerfigur sogleich in den Status des Protagonisten und erklärt die Frau zum Antagonisten. Diese Verteilung der Geschlechter mag auch die Grundlage für die albernen Vorwürfe der Misogynie gebildet haben und zeugt lediglich von einer starren, verbohrten Filmrezeption, die jeden Krümel auf ihre Geschlechterrollen hin untersuchen muss, ohne die Narrative zu erfassen, um dann womöglich zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ein solcher Film so, und nur so, funktionieren kann.

Was bleibt also festzuhalten? Wir haben eine Frau, die vom Gedanken besetzt ist, nur durch Selbstkasteiung und schließlich den Tod Erlösung zu finden und wir haben einen Mann, der zunächst den sicheren Hafen der Vernunft markiert, dann aber mit dem Erreichen seiner Ziele über die Werkzeuge der Moderne von Zweifeln belegt ist. Die Wahrnehmung der Natur wandelt sich immer nur mit der Verfassung der beiden Figuren, ist im einen Moment ein Hort, in dem das Chaos und der Stärkere regiert und im anderen eine spirituelle Ruhestätte. Das Hexenmotiv lässt uns in dem Glauben, dass am Ende Gerechtigkeit widerfahren ist. 

Vielleicht ist „Antichrist“ also nicht mehr als das: „Antichrist“ spielt klug mit Motiven und entwirft tatsächlich originäre Kinobilder von malerischer Schönheit. Er versagt sich aber auch einer dogmatischen Lesart und ist vielfältig auslegbar, und vielleicht ist das auch vollkommen okay, weil es der Diskussion über dieses wunderbare Medium nur zuträglich ist. Zudem beherbergt er das Kostbarste, zu dem Kino überhaupt fähig ist: er ist Ausdruck eines Künstlers, der sich uns offenbart; in allen, den dunkelsten, den ehrlichsten Facetten.

Donnerstag, 7. August 2014

"Cashback" [UK '06 | Sean Ellis]

Skurrilitäten-stapelnde Gimmick-Dramödie, britisch verschroben und immerzu säuselt ein selbst-besoffener Off-Kommentar etwas von echter Liebe, entdeckter Sexualität und der Magie nackter Frauenkörper. Aber eine Geschichte ohne echte Figuren ist nichts wert und formaler Einfallsreichtum (später mehr und mehr redundant seine ein, zwei ästhetischen Kniffe tot-inszenierend) nur dünne Makulatur. Die räudigen Randfiguren verdienen diese Bezeichnung nicht; sie sind lediglich auf wenige Eigenschaften herunter-rationalisierte Karikaturen ohne Gesicht und ohne Herz, entweder egal oder nervig, weil keine Figuren abseits des lahmen Protagonisten geduldet werden. Der pubertäre Tittenhumor degradiert die eigentlich ganz interessante Prämisse des Films und die finale Konklusion, die die Kunst als verbindendes Medium stilsicher zelebriert, dann endgültig zur Beliebigkeit. Ja, selbst wer hier für Möpse kommt, wird nur bedingt befriedigt.

3/10

Samstag, 2. August 2014

Zuletzt gesehen: Juli 2014

"Amistad" [US '97 | Steven Spielberg] - 5/10

"Stripes" [US '81 | Ivan Reitman] - 3/10

"Sexy Beast" [US '00 | Jonathan Glazer] - 5.5/10

"Birth" [US '04 | Jonathan Glazer] - 7/10

"Swingers" [US '96 | Doug Liman] - 6.5/10

"Valhalla Rising" [DK, UK '09 | Nicolas Winding Refn] - 5/10

"Elephant" [US '03 | Gus van Sant] - 6/10

"12 Years a Slave" [UK, US '13 | Steve McQueen] - 6/10

"I saw the Devil" [KR '10 | Jee-woon Kim] - 4/10

"Prisoners" [US '13 | Denis Villeneuve] - 5.5/10

"Her" [US '13 | Spike Jonze] - 5/10

"Silver Linings Playbook" [US '12 | David O. Russell] - 4/10

"The Raid 2" [ID, US '14 | Gareth Evans] - 5/10

"Willkommen bei den Rileys" [US '10 | Jake Scott] - 5/10

"Die Dolmetscherin" [US '05 | Sydney Pollack] - 4/10

"A Perfect World" [US '93 | Clint Eastwood] - 6/10

"Matinée" [US '93 | Joe Dante] - 5.5/10

"Love Exposure" [JP '08 | Shion Sono] - 7.5/10

"Der Gott des Gemetzels" [FR '11 | Roman Polánski] - 6/10

Dienstag, 29. Juli 2014

"The Raid 2" [ID '14 | Gareth Evans]

Bauerntheater! Keine Ahnung wer hier auf die Idee kam, man müsse ernsthaft eine Geschichte erzählen. Inhaltlich erweist sich „The Raid 2“ nämlich, oh Wunder, eher als Schmalspur-Version eines Scorsese-Epos, dessen einzige Parallele wohl noch die exorbitante Laufzeit darstellen dürfte. Und das ist ein Problem, das auch mit dem Verweis darauf, dass das alles ja Genre-Kino sei und eine solche Art Film keine gute Geschichte brauche, oder Figuren, die funktionieren oder andere Dinge, die eine scheinbar deplatzierte Erwartungshaltung ernsthaft zu fordern die Frechheit besitzt, nicht aus der Welt zu schaffen ist (als bedeute Kino in starren Kategorien zu denken). 

Schließlich, und das ist ein Ausruf der mir bei der Besprechung des neuen, Genre-erschütternden Ultra-Hits aus Indonesien immer wieder begegnete, solle es doch nur mal wieder richtig saftig „auf die Fresse geben“. So richtig schön handgemacht, so richtig schön derbe. Männerkino halt, mit dem Jever im Anschlag und dem Hirn auf Durchzug. Geil! 

Doch das Handlungsgerüst von „The Raid 2“ stellt ein Problem dar, weil sich Evans offenbar dazu anschickt, neben den zweifelsfrei im Handlungsmittelpunkt stehenden Kämpfen, auch eine epische Gangster-Ballade zu erzählen und somit Figuren zu entwickeln, Szenarien zu installieren, Zwiste herzuleiten oder Schicksale zu besiegeln. Ein nicht unerheblicher Teil der Laufzeit gilt der Geschichte; Momenten also, die auf Schauspieler und Autoren-Talent angewiesen sind. „The Raid 2“ hat jedoch keine Schauspieler - und Evans ist kein Autor. 

Die Figurenskizzen sind ausschließlich Mumpitz, die Schauspieler entweder chronisch unterfordert (nochmal Glück gehabt: Uwais) oder hoffnungslos überfordert (kein Nicholson: Abbad | kein Schauspieler: Putra) und Evans scheint sich vornehmlich mit der Aneinanderreihung fußlahmer Genre-Standards (vom frustrierten Sohn, der die Seiten wechselt) und einem heruntergedooften Story-Plagiat zu begnügen. Hier bläht Evans unnötig auf, wo es doch eigentlich nichts zu erzählen gibt. 

Doch bevor jetzt von allen Seiten Kloppe droht: Natürlich sind die Fähigkeiten dieser Martial-Arts-Künstler phasenweise atemberaubend, die Kämpfe wuchtig und zweckdienlich choreographiert und der logistische Aufwand, diese unzähligen Plansequenzen in dieser Form umzusetzen, sicherlich nur mit absoluter Hingabe zu betreiben (Budget: 4,5 Mio. Dollar). Im Angesicht etwaiger Nicht-Alternativen aus dem angelsächsischen Raum ist der Hype um „The Raid 2“ nur nachzuvollziehen, ihn aufgrund seiner aufwendigen, nichtsdestotrotz unscharfen und viel zu verwackelten Fights jedoch direkt in den Genre-Olymp zu erheben, täte dem Genre dann doch ein wenig Unrecht. Wer sonst Scheiße frisst, dem schmeckt auch Trockenbrot. Das US-Remake wurde inzwischen bestimmt bestätigt. 

5.5/10

Samstag, 26. Juli 2014

"The Breakfast Club" [US '85 | John Hughes]

Samstag. 7:00 Uhr. Antreten zur schulischen Disziplinarmaßnahme: Ein Nerd, eine Sportkanone, ein Rebell, eine Außenseiterin und eine Prinzessin. Sinn: Zweifelhaft. Lehrpersonal: Überfordert, gekränkt und von Zweifeln besetzt, wenn Autorität zur bloßen Behauptung gerät. Die geläuterten Bankdrücker: Frustriert, in Rollen gedrängt, von Erwartungen erdrückt. Bis der Erste das Wort ergreift, und dann der Zweite, der Dritte, der Vierte, der Fünfte. Bis auch der letzte seine angestammte Rolle abgelegt hat; und die Zweifel, und die Vorurteile, und den Stolz. Und dann passiert es: es wird geredet, Dialog, endlos lang, jeder darf, keiner muss. Und man gelangt zu erstaunlichen Erkenntnissen über die jugendliche Lebenswirklichkeit, die diese Gruppe amerikanischen Querschnitts mit jedem weiteren Wort zutage fördert: Gerade jene, die uns doch am meisten lieben und denen unsere Zukunft am Herzen liegt, denen wir uns anvertrauen, zu denen wir aufschauen, uns festhalten, drängen uns in Richtungen, bedrängen uns, verteilen Last, statt sie zu teilen. Und sie tun es nicht aus böser Absicht, sondern weil sie es nicht besser wissen. Womöglich aus Angst oder chronischer Über-Fürsorge. Und sie sprechen über Gruppendynamik und über Erfolgsdruck, übers ausgegrenzt- und verloren sein, über falsche Freunde und den Montag, der kommen wird und ob sie dann noch immer Freunde sein werden; vor den „Anderen“; vor allen, denen es vielleicht gar nicht viel anders ergeht. Also sprecht miteinander - es hilft, ganz im Ernst. Euer Breakfast-Club. 

 7/10

Dienstag, 22. Juli 2014

"Schwerkraft" [DE '09 | Maximilian Erlenwein]

Gute Menschen gibt es hier nicht; in diesen gläsernen, kalten Büro-Komplexen, in denen zur Besserung des Betriebsklimas sogar die Farbe des Hemdes fremdbestimmt werden soll und einem der Chef an der Kaffeemaschine zwinkernd ein Foto seiner neuesten Eroberung präsentiert. Erlenwein's erster Spielfilm ist bevölkert von latenten Arschlöchern und langweiligen Anzug-Fuzzis, denen es nach Jahren der Hörigkeit gehörig ans Bein zu pissen gilt. Und schon lange nicht mehr hat sich ein deutscher Regisseur derart befreit, komisch und selbstbewusst zwischen den Genres bewegt. Den Ausbruch seines Protagonisten aus einem lähmenden Kreislauf erzählt Erlenwein in erster Linie über schnörkellose Dialoge, erstaunlich stilsicher und von einem bestechenden Ensemble getragen. Gelegentlich erinnert „Schwerkraft“ in seiner straffen Struktur und dem zugänglichen Rhythmus, der immer wieder durch leichtfüßige Gitarrenriffs getaktet wird, an die ironischen Gauner-Balladen eines Guy Ritchie - in gut. Der unterkühlte Fincher-Look, welcher warme Töne fast gänzlich eliminiert, distanziert sich zudem von einschlägigen TV-Formaten und macht gerade hinsichtlich seines behandelten Sujets absolut Sinn. Lediglich zum letzten Drittel gibt Erlenwein die Zügel hier ein wenig aus der Hand und springt etwas planlos und unschlüssig zum vorhersehbaren, aber schönen Finale. Moralisch bleibt das aber immer wunderbar inkorrekt und der Humor trocken. Deutsches Kino lebt. 

6/10

Samstag, 12. Juli 2014

"Leviathan" [FR, UK, US '12 | Verena Paravel & Lucien Castaing-Taylor]

Am Anfang ist Schwärze. Dann das Rauschen des Meeres, die am Bug brechenden Wellen. Dann das monotone Brummen eines Schiffsmotors, später unverständliches Arbeitsgenuschel und Seekrankheit-simulierende, total Sinn machende Kamera-Schwenks. „Leviathan“ meidet Totalen und sucht die Nähe, und er geht so nah, dass sich bekannte Formen zu verzerren beginnen. In der Orientierungslosigkeit wird plötzlich alles eins: Rollende Fischköpfe, Blutlachen, gigantische Netzvorrichtungen, routiniertes Treiben an Deck. Erste Konturen zeichnet der Film erst mit der Zeit. Das zerfurchte Gesicht des Kapitäns, dunkle Augenringe, tätowiert, verschwitzt oder einfach nur durchnässt vom unaufhörlichen Regen, wahrscheinlich beides. Hardrock im Hintergrund, der aus einem alten Plastikradio dringt. Und immer ist da diese unbändige Kraft und meine Ehrfurcht ihr gegenüber. Dann sind wir im Meer, begleiten einen Möwenschwarm, der für ein paar Fischreste in die Wellen stürzt. Dem mechanischen Summen eines Krans sind grelle Schreie zu entnehmen, dann Leviathan, dann Schwärze. 

8/10

Samstag, 5. Juli 2014

"King of Queens" [US '98 | Michael J. Weithorn]

 Neben der sonntäglichen „Lindenstraße“-Folter (eine Form der Selbstkasteiung, die meine Eltern zur cinephilen Bildung ihrer Blagen als notwendig erachtete) ist mir keine andere Serie in Erinnerung geblieben, die ich mit meiner Familie je regelmäßig und gemeinsam geschaut hätte. „King of Queens“ war ein kleines, familiäres Großereignis. Jedenfalls für mich. Auf diesem kleinen, wirklich sehr kleinen Röhrenfernseher unter dem das Logo eines japanischen Elektrogeräteherstellers thronte, unter den harten, knarrenden Holzdielen, die von unseren täglichen Eskapaden sichtlich gezeichnet waren, hinter uns das tiefschwarze Ledersofa mit den vertrockneten Popel-Resten in den Rillen und der hauptsächlich durch 9Live-Wiederholungen verpesteten VHS-Sammlung zu unserer Rechten. Nur ein Scherz. So klein war der Fernseher nun auch wieder nicht.

Jahre später bekam ich zum Geburtstag die erste Staffel von „King of Queens“ auf DVD. Von da an bekam ich Jahr für Jahr – zu allen möglichen Anlässen – eine weitere Sammel-Box, die ich unverzüglich ihrer verschweißten Hülle entriss und meiner Sammlung hinzufügte, bis ich schließlich jedes Bestandteil dieses neun Staffeln umfassenden Mikrokosmos in meinem wackeligen Holzregal vereint hatte. Diese Zusammenführung über einen langen Zeitraum, trug zur Schaffung einer sehr persönlichen Bindung ganz entscheidend bei. Jedes neue Mosaik hatte seinen ganz eigenen Wert, jede Staffel begleitete mich über einen gewissen Zeitraum auf irgendeine Weise, wurde quasi zu einem Wegbegleiter, hielt die nötige Dosis Eskapismus bereit, formte meinen Sinn für Humor oder brachte mich zum lachen, wenn mir nicht zum lachen zumute war. 

Regelmäßig schaute ich mit meiner Familie die neueste Staffel, verschlang sie und tauchte in sie ein, traf alte Bekannte wieder, von denen ich schwören könnte, dass sie mir durch die lästigen Begrenzungen der Flimmerkiste hindurch zugezwinkert hätten und immer wieder entdeckten wir auf unseren Ausflügen Episoden, die wir im TV verpasst hatten und schlossen so unsere Wissenslücken. Diese Abende und all diese „ach, eine Folge geht noch“-Momente sind nun Bestandteil dieses Gefühls, das ich habe, wenn ich zurückkehre, in die Vorstadt, nach Queens, zu Freunden, dieses Wiederaufrischen von Gefühlen, Momenten und Situationen die mit dieser Serie behaftet und gekoppelt sind.

Ich liebe diese Serie und ich liebe ihre Figuren. Arthurs Alltags-Verkomplizierungen und cholerischen Anfälle. Seine Marotten und liebevollen Blödeleien, seine Lügengeschichten und bizarren Regelwerke. Wie er eine Schnute zieht und leidenschaftlich albern mit dem Becken wackelt. Seine Vitalität und Gutmütigkeit, seine Überreaktionen und Verbal-Duelle. Diese brüllend komischen Ausrufe und die gleichzeitige Befähigung ob der Tragik seiner wundervollen Figur auch mal innezuhalten. Ein Verrückter, geistesgestört, kein Zweifel. Aber auch ein Kellerkind, das nie verlernt hat Kind zu sein.

Und dann Doug, immer mit vollem Körpereinsatz – und das ist eine Menge. Der Typ, der sich nicht zu schade ist, sich vollkommen zum Affen zu machen, dieses ultra-sympathische Postboten-Gesicht zu komischen Visagen zu verzerren und mit seinem beharrten Schwabbelbauch in der Gegend herumzuwackeln. Ein gutmütiger Durchschnitts-Amerikaner, der in seinem Talent zum grenzenlosen Optimismus überhaupt nicht durchschnittlich ist und der in allem zuallererst die guten Seiten zu erkennen vermag. Das Glas ist immer halb voll und der Teller ganz sicher nie leer. Und Carrie, dieses Biest mit den langen, künstlichen Fingernägeln, diese liebevolle, besonnene Ehefrau, die immer auch Mutter spielen muss, um den häuslichen Kindergarten in Ordnung zu halten. Eine undankbare Rolle. Der Spielverderber, der immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Doug's Team-Partner, die Karrierefrau und Manhattan-Tussi, so ambivalent, weil menschlich konzipiert.
 
King of Queens“ propagiert ein fortschrittliches Lebensmodell; eines das besagt die Alten nicht einfach abzuschieben, sondern ihren Geschichten zu lauschen und einzusehen, dass sie möglicherweise noch vieles zu sagen haben. Mit den Zitaten dieser Serie könnte man Bücher füllen. Bücher, die etwas zu sagen hätten. 

Für die Postboten dieser Welt, für die übergewichtigen Großstadt-Clowns und Kellerkinder, für die senilen Zirkusaffen und zickigen Emanzen, für die zufriedenen Mittelständler und starken Frauen, ohne die diese Welt gnadenlos zugrunde gehen würde, für die verschrobenen Nerds und erfolglosen Cousins da draußen, für die Sportler und einsamen Witwen, die Arschlöcher und Alkoholiker – eine pathetische Geste darf erlaubt sein, eine gut gemeinte Verneigung, ein Knicks in voller Inbrunst. „King of Queens“ - mein Herz gehört dir.

Dienstag, 1. Juli 2014

Zuletzt gesehen: Juni 2014

"Sherlock" [UK '13 | Season 3] - 5.5/10

"Halloween" [US '78 | John Carpenter] - 5/10

"The Ides of March" [US '11 | George Clooney] - 6/10

"City of God" [BR, FR, US '02 | Fernando Meirelles] - 5/10

"¡Vivan las Antipodas!" [AR, CL, DE, NL '11 | Victor Kossakovsky] - 5/10

"The Crow" [US '94 | Alex Proyas] - 6.5/10

"Game of Thrones" [US '13 | Season 4] - 8/10

"Was bleibt" [DE '12 | Hans-Christian Schmid] - 4/10

"Susi & Strolch" [US '55 | Walt Disney] - 5/10

"Mein Nachbar Totoro" [JP '88 | Hayao Miyazaki] - 6/10

"Happythankyoumoreplease" [US '10 | Josh Radnor] - 3/10

"Liberal Arts" [US '12 | Josh Radnor] - 7.5/10

"Midnight in Paris" [ES, US '11 | Woody Allen] - 5/10

"Rick and Morty" [US '13 | Season 1] - 8/10

"Interview" [US '07 | Steve Buscemi] - 4.5/10

"Blackfish" [US '13 | Gabriela Cowperthwaite] - 6/10

Samstag, 28. Juni 2014

"Neufeld, mitkommen!" [DE '14 | Tim Trageser]

Lupenreiner, Gebühren-finanzierter „Problemfilm“, der im Vorfeld eines Thementalks mit Jauch und Co. die entsprechenden Themenkomplexe als eine Art neu-medialer Stichwortgeber schon mal anständig durchpflügt. Die Anstrengung diesem Thema unbedingt gerecht zu werden, steht dabei allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben. „Neufeld, mitkommen!“ schlägt zwar nicht eine solch fatalistische Wendung ein, wie es beim thematisch verwandten „Homevideo“ noch der Fall gewesen war, beschreitet in letzter Konsequenz jedoch ähnliche, Ohnmacht-verursachende Wege. Es scheint hierzulande sowieso nicht möglich, in solcherlei Filmen einen tonalen Mittelweg auszutarieren; also auf schmerzhafte Momente auch mal einen befreiten folgen zu lassen (so wie es das Leben manchmal eben auch tut). Und doch möchte man sich offenbar zumindest insofern verstanden wissen, als dass so etwas auch zu jeder Zeit in der eigenen Nachbarschaft passieren könnte. Schließlich suggerieren Handkameraschwenks und Homevideo-Ästhetik Nähe und erinnern ganz bewusst an das eigene Leben im bürgerlichen Mittelstand (Intro). Und überhaupt: Was ist von einem Film zu halten, der im Korsett einer Themenwoche entstehen muss; einem Film also, der aus Begrenzungen und kreativen Hemmnissen geboren wird, der nicht chiffrieren, andeuten, verpacken darf, sondern alles laut aussprechen, schließlich stünde alles andere einem intellektuellen Diskurs nur im Wege. Immerhin – und das ist angesichts etwaiger Produktionen, die einen solchen Sendeplatz sonst so verstopfen, schon viel wert – vermeidet man einfache Antworten auf schwierige Fragen und ist sichtlich darum bemüht, keine Facette dieses komplexen Themas auszusparen. Geht schlimmer, weil man Kunstfeindlichkeit und extremst schwankende Schauspieler-Leistungen ja sowieso schon längst gewohnt ist. 

3.5/10

Freitag, 20. Juni 2014

"Death Note" [JP '06 - '07 | Tsugumi Ōba]

Nichts, dass einem nicht ausformuliert vor den Latz geknallt oder kleinteilig durch-exerziert werden muss, um den Zuschauer anschließend auch ja in dem Glauben zurückzulassen, gerade etwas total komplexes gesehen zu haben. „Death Note“ erreicht in etwa die Komplexität einer guten „Detektiv Conan“-Episode. Eine Serie voll aufgeblasener Wichtigtuer und platter Figurentypen, denen ein haarsträubend blöder Dialog nach dem anderen in den Mund gelegt wird. Dabei ist die bis zu ihren Grenzen konstruierte Prämisse ganz sicher nicht ohne Reiz, die edlen Animationen gefällig und auch der Umstand, dass das zunächst moralisch gedeckt scheinende Ziel Kira's nach und nach in den Hintergrund tritt und man stattdessen vor allem den Zweikampf zweier eitler Narzissten zentriert, befeuert die Serie zu ihrem ersten Drittel zusätzlich. Spannend wird „Death Note“ nämlich immer dann, wenn er sich seinen clever verzwickten Figuren-Anordnungen widmet oder den Sadismus eines jugendlichen Massenmörders in exquisiten, für sich einzigartigen Montagen zelebriert, die die Serie gelegentlich wertiger erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist. Zweifelsohne entwickelt die viel gefeierte Manga-Adaption eine gewisse, nicht zu unterschätzende Sogwirkung, die man bis auf wenige Ausnahmen auch über 37 Episoden halten kann. Der alles andere als deplatzierte Bruch nach der ersten, knappen Hälfte und damit die Kehrtwende zentraler Figuren bremst die Serie – nachdem sie zuvor mit direkten Konfrontationen und spannenden Zwiegesprächen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte – leider vor allem aus und räumt der Suche nach einem neuen Kira und dem damit verbundenen Handlungsstrang - welcher zudem eine ganze Reihe ebenso hastig installierter, wie wieder fallengelassener Figuren-Skizzen beinhaltete (Unternehmer) - viel zu viel Raum ein. Nervenkostüm-attackierende, blond-quietschig-herumbrabbelnde, sexistische Plastik-Puppen bleiben dabei leider nicht aus (Misa!). Überraschend ist dennoch wie routiniert und einfallslos „Death Note“ sein kluges, ganz und gar spannendes Thema nach 25 überdurchschnittlichen Folgen schließlich nach Hause fährt; mitsamt eines dekonstruierten Protagonisten, einer weiß-haarigen L-Kopie und einem Leichenberg. Gefällt trotzdem. 

6/10