Mittwoch, 14. Februar 2018

"Playing God" [DE '17 | Karin Jurschick]

Ken Feinberg ist ein beschäftigter Mann. Umso größer war die Überraschung für Regisseurin Karin Jurschick als dieser ohne größere Einschränkungen zustimmte, Teil ihres Filmes zu werden. Schließlich sollte sich „Playing God“ um ihn drehen: Kenneth Feinberg, 72 Jahre alt, Anwalt und Mediator. Feinberg ist der Mann, der das Geld verteilt, wenn Bürger der Vereinigten Staaten Opfer von Terrorattacken oder Naturkatastrophen werden. Das US-Justizsystem nennt Leute wie ihn Special Master. Er wird eingeschaltet, wenn die Regierung seine Wirtschaft vor existenzbedrohenden Klagewellen schützen möchte, die beispielsweise auf die Anschläge des 11. Septembers folgten. In solchen Situationen ist es an ihm, im Einzelfall zu entscheiden, wie die Höhe der Kompensationszahlungen an die Familien der Opfer ausfallen soll. Oder um es pathetisch auszudrücken: es ist an ihm, über den Wert des Lebens zu richten. 

Aus struktureller Sicht macht es zunächst durchaus Sinn, den Film entlang der beruflichen Biografie von Feinberg zu erzählen. So gewährt dessen Biografie einen interessanten Überblick über mehrere Jahrzehnte amerikanischer (Krisen-)Geschichte. Das fängt bereits im Jahre 1984 mit Klagen von Vietnam-Veteranen gegen die Herstellerfirmen des hochgiftigen Entlaubungsmittels Agent Orange an, das während des Vietnam-Krieges versprüht worden war und unter dessen Folgeschäden neben hunderttausenden Vietnamesen auch viele US-Soldaten litten. Auch beim Anschlag auf den Boston-Marathon, dem Öl-Unglück der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon oder dem VW-Abgas-Skandal war es an Feinberg, zwischen klagenden Privatpersonen und der Industrie zu vermitteln. Sein Angebot ist simpel: für eine Kompensationszahlung erklärt sich der Kläger bereit, nicht weiter zu klagen.

Es scheint kaum eine Katastrophe zu geben, bei der Feinberg nicht als Figur im Hintergrund sichtbar wird, manchmal nur durchschimmert, aber immer eine zentrale Rolle einnimmt. Die vor allem juristischen Nachwirkungen der großen gesellschaftlichen Krisen seines Landes bekommt Feinberg stets als einer der ersten zu spüren. Zwischen jenen, die sich als Opfer begreifen und denen, die der Schuldfrage besser ausweichen, fungiert Feinberg als probates Mittel zum Schutz der amerikanischen Wirtschaft. Die unfassbaren finanziellen Mittel, über die er dafür zu bestimmen hat, gehen dabei auch mit einer unfassbaren Konzentration von Macht einher. 

Der Titel zielt darauf ab, ob es nicht Gott vorenthalten sein sollte, über den Wert eines Menschen zu richten und stellt ganz grundlegend die Frage, ob es nicht unethisch ist, so viel Macht in einer Einzelperson zu bündeln – gerade angesichts der einflussreichen, religiösen Lobby in den USA eine Frage von ungeheurer Sprengkraft. Es macht aber auch deutlich, wie ohnmächtig private Einzelkläger gegenüber den großen US-Konzernen sind, die sich nach groben Fehltritten der schützenden Hand des Staates sicher sein können. Besonders eindringlich wird dies durch die Gegenüberstellung von Pensionären und Rentnern veranschaulicht, die im ganzen Land um ihre Renten fürchten müssen und den Gehaltskürzungen von Investment-Bankern, die Feinberg im Zuge des großen Finanzcrashs vornehmen musste. Während mit der vollständigen Rückzahlung staatlicher Kredite in den großen Banken wieder die Millionen-Boni flossen, gehen Rentner wieder arbeiten, weil das Geld nicht zum überleben reicht. 

Die Person Feinbergs gestattet also den Zugriff auf wichtige gesellschaftliche Diskurse, die sich bequem als roter Faden für das Narrativ des Films gebrauchen lassen. Jurschick unternimmt jedoch auch den Versuch, es in der filmischen Auseinandersetzung mit Feinberg menscheln zu lassen. Szenen, in denen er sich von TV-Bildern und klassischer Musik beschallen lässt oder ein paar warme Worte seiner Frau, die in der Küche über das stressige Leben ihres Gatten erzählt, sollen Feinberg zu einem echten Protagonisten machen, der auch ganz privat sein kann. Und über die Konfrontation Feinbergs mit den Vorwürfen, er könne nicht unbefangen und neutral über Kompensationszahlungen bestimmen, wenn er auf der Gehaltsliste von BP stünde, soll die Ambivalenz seiner Figur beleuchtet werden. Solche Konfrontationen klären sich jedoch sehr schnell wieder auf. 

Alle Versuche Feinberg zu einer emotional vielschichtigen Figur zu entwickeln, bleiben am Ende fruchtlos. Hinter Feinberg wird nichts sichtbar, was vorne nicht ohnehin schon zu erkennen war. Er ist Anwalt und macht seinen Job. Er drückt die moralischen Fragen dieses Berufsstandes nicht mehr aus als jeder andere Strafverteidiger, sondern agiert lediglich in anderen Größenordnungen. So schön es für Feinbergs Ego also gewesen sein dürfte, einen eigenen Film spendiert zu bekommen, so furchtbar interessant ist diese Figur, die vollständig in ihrem Beruf aufgeht und die Verantwortung still (oder dann auch wieder ganz laut) erträgt, dann auch wieder nicht. Dafür sind es die vielen kleinen Geschichten und Schicksale, die sich an die Krisen heften, die er juristisch begleitet hat. Sie geben vor allem den Verlierern eines unbarmherzigen, wirtschaftlichen Systems Gesicht und Stimme. So erzählt „Playing God“ schlussendlich mehr über sie als über Ken Feinberg - auch keine schlechte Sache.

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